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Stalingrad Mythos einer Schlacht

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Stalingrad Die Zeit

Mythos einer Schlacht

Wir waren keine Menschen mehr

Das Elend von Stalingrad in der Erinnerung einfacher Soldaten: Noch immer verdecken dubiose Legenden das große Morden und Sterben an der Wolga, das vor 60 Jahren zu Ende ging

 


Zehntausende deutsche Kriegsgefangene ziehen Ende Januar 1943 einem ungewissen Schicksal entgegen

Foto: Bilderberg / itar-tass

Stalingrad, das waren Bilder. Bilder von Toten auf den Straßen, in den Häusern, zwischen ausgebrannten Fahrzeugen. „Bilder“, erinnert sich der damals 20-jährige Schuhmacher Bertold König, „wie alte Männer, Frauen und Kinder an der Straße stehen und darauf warten, dass Lastwagen kommen, um sie abzutransportieren, heraus aus der Stadt. Da waren sie noch ganz gut beieinander, aber das hat sich später dann geändert. Wir haben dann den Roten Platz hinter uns gelassen und sind bis kurz vor die Wolga gekommen. Da lagen die Russen mit dem Fluss im Rücken. Jetzt waren wir so dicht aufeinander, russische und deutsche Soldaten, dass wir anfingen, uns mit Spaten zu behandeln. Wir sollten das Stück, das noch zwischen uns und der Wolga lag, unbedingt nehmen.“

Im Winter 1941 ist der Versuch, die Sowjetunion in einem „Blitzkrieg“ niederzuwerfen, gescheitert. Von den drei Millionen Soldaten, mit denen die Wehrmacht angegriffen hatte, sind im März 1942 bereits mehr als eine Million tot, in Gefangenschaft geraten oder gelten als vermisst. Diese Bilanz des Schreckens kann aber weder Hitler noch seinen Generalstab erschrecken. Die Sowjetunion sei in einer weitaus prekäreren Lage, personell und kriegswirtschaftlich schon so zerrüttet, dass allein die eigene Beharrlichkeit den Sieg in greifbare Nähe rücken würde.

Mit dem Sommerfeldzug 1942 hofft Hitler den Kampf im Osten zu entscheiden. Erobert werden sollen in diesem Sommer Stalingrad, die Krim, das Donezbecken und vor allem der Kaukasus und die dahinter liegenden Ölfelder um Maikop, Groznyj und Baku. Der russische Süden ist für Hitler „ein Land, wo Milch und Honig fließt“, und seine Küsten sind die kommende Riviera für die deutschen Volksgenossen, inklusive eines Autobahnanschlusses ins Reich. Jetzt aber soll sein Besitz der sowjetischen Kriegsproduktion den Boden entziehen und das Land bei Stalingrad mit der Blockierung der Wolga in zwei Teile spalten. Mit den so gewonnenen Ressourcen, unter denen das Öl ganz an oberster Stelle steht, lasse sich auch der Krieg gegen England und die USA im Westen in einen Sieg verwandeln.

„Es soll hier kein Stein auf dem anderen bleiben“

Die Hauptoffensive, die im Juni begonnen worden ist, hat mit ihren großen Anfangserfolgen Hitler erst in euphorische Stimmung und dann in das von Wutausbrüchen begleitete Gefühl versetzt, Zeit und Öl könnten ihm davonlaufen. Ursprünglich sollten die Heeresgruppe A und die Heeresgruppe B in mehreren aufeinander folgenden Schritten gemeinsam die russischen Truppen zwischen dem Don und Stalingrad vernichten, um dann den Angriff auf den Kaukasus zu beginnen. Davon aber ist am 23. Juli 1942 in einer neuen Weisung Hitlers nicht mehr die Rede. Die für das Vorhaben ohnehin schon schwachen Kräfte werden nun geteilt. Die Heeresgruppe A soll den Kaukasus und die Ölfelder und die Heeresgruppe B, die von der 6. Armee gebildet wird, Stalingrad erobern. Hitler ist nun wieder optimistisch und erklärt seinem Propagandaminister Joseph Goebbels, dass er Stalingrad in wenigen Tagen einnehmen werde.

Am 19. August 1942 schreibt Goebbels über dieses Gespräch in seinem Tagebuch: „Der Führer will in zwei bis drei Tagen den Großangriff gegen Stalingrad starten. Diese Stadt hat er besonders auf die Nummer genommen. Er verfolgt die Absicht, sie restlos zu zertrümmern. Es soll hier kein Stein auf dem anderen bleiben. Es ist aus psychologischen aber auch aus militärischen Gründen notwendig. Die gegen Stalingrad eingesetzten Kräfte werden vorläufigem Ermessen nach genügen, um die Stadt in acht Tagen in unseren Besitz zu bringen. Die Operationen im Kaukasus gehen außerordentlich gut vonstatten. Der Führer will, nachdem Maikop in unserem Besitz ist, noch in diesem Sommer und Herbst Grosnyj und Baku in unseren Besitz bringen: dann ist nicht nur unsere Ölversorgung gesichert, sondern auch die bolschewistische Ölversorgung gänzlich zerschlagen… Aber damit nicht genug. Der Führer verfolgt den gigantischen Plan, beim Erreichen der russischen Grenze in den Nahen Osten vorzubrechen, Kleinasien in unseren Besitz zu bringen, Irak, Iran, Palästina zu überrumpeln und damit England nach dem Verlust der ostasiatischen Ouellen die letzten Ölreserven abzuschneiden.“

Während Goebbels dem geopolitischen Größenwahn seines Führers huldigt, muss in diesen Tagen die mit Pferden bespannte Sanitätskompanie des Internisten Jakob Vogt, noch bevor sie die vor Stalingrad liegende Kalmückensteppe zwischen Wolga und Don erreicht hat, die Hälfte ihrer medizinischen Ausrüstung im Südosten der Ukraine in einem Birkenwald vergraben. Die Sommeroffensive der deutschen Wehrmacht hat die Transportwege der 6. Armee hoffnungslos überdehnt. Es fehlt an Pferden, die, wie noch im 19.Jahrhundert, eines der wichtigsten Transportmittel des deutschen Heeres sind. „Es fehlte an allem“, erinnert sich Jakob Vogt. „Wagen, Leute, Benzin und auch die Verpflegung wurde lange, bevor wir Stalingrad überhaupt gesehen hatten, auf die Hälfte herabgesetzt. Weil unsere Pferde in den Kochtopf wanderten, wurden sie, wenn es ging, durch Ochsen und Kamele ersetzt. Die ungarische Armee setzte Juden als Zugtiere ein. Dort sah ich, wie sie die Karren und Fuhrwerke ziehen mussten.“

„Krach und Feuer, als wenn der Himmel die Erde umpflügt“

Verschleppte Juden, Zehntausende russische Kriegsgefangene, die meist aus Angst vor den deutschen Lagern als Hilfswillige in der Wehrmacht dienen, Soldaten aus Italien, Ungarn, Rumänien und vereinzelte Freiwillige aus anderen Ländern Europas gehören ebenso zur 6. Armee wie die deutschen Krankenschwestern des Roten Kreuzes, die in den Lazaretten hinter der Front die Verwundeten versorgen. Ende August erreicht die Streitmacht Stalingrad. Mehr als vierzig Kilometer erstreckt sich die Industrie- und Handelsstadt entlang des Westufers der Wolga. Die Einwohnerzahl ist zu diesem Zeitpunkt durch flüchtende Frauen, Kinder und alte Männer auf annähernd das Doppelte ihrer Einwohner, auf 700000 Menschen, angewachsen. Jeden zwischen 16 und 55 Jahren hat das Verteidigungskomitee, dem Stalin untersagt hat, die Zivilisten zu evakuieren, in Arbeitskolonnen gesteckt. Panzergräben und Minenfelder im Westen, mit Frauen besetzte Flakstellungen im Industriegebiet und hohe Erdwälle um die große Erdölraffinerie sollen die Angreifer zurückhalten. Die aber kommen am 23. August, einem Sonntag, aus der Luft. Mehr als tausend Flugzeuge legen schon an diesem ersten Tag in einem Flächenbombardement Teile der Stadt in Schutt und Asche und töten Tausende von Zivilisten.


In den nächsten Wochen wird Stalingrad weitgehend besetzt, aber die vollständige Einnahme scheitert am Widerstand der Roten Armee. Mit allgegenwärtigen Drohungen bis hin zur Todesstrafe zwingt sie, wie auf der anderen Seite die Wehrmacht, ihre Soldaten zum Äußersten. Angriff auf Angriff auf die verbleibenden russischen Stellungen sind gescheitert, als der 19 Jahre alte Briefträger Kurt Eichhorn in die Stadt kommt. Er ist „Ersatz“, Tausende Soldaten sind bereits tot oder verwundet, in fast allen Kompanien ist jeder zweite Soldat ausgefallen.Eine Armee von mehr als 300000 Soldaten steht vor der Stadt. Der 19-jährige Leutnant Friedrich Lohstein erreicht als einer der Ersten mit seinem Panzer die Wolga-Anhöhen im Osten Stalingrads. Er hat das Gefühl, gegen den unter ihm liegenden Strom sei „der Rhein ein armseliges Rinnsal“. Man ist siegesgewiss in diesen Tagen. Nicht nur auf dem fernen Feldherrnhügel und im Generalstab, sondern auch in den Mannschaften glaubt man, Stalingrad in absehbarer Zeit zu nehmen. Und für Bertold König, der noch nicht den Kampf um jedes Haus, jeden Treppenabsatz, jedes Kellerloch und selbst um jeden Meter der nach Fäkalien stinkenden Kanalisation erlebt hat, ist die Stadt an der Wolga „die Erfüllung aller Wünsche. Nachdem wir nämlich die Steppe gesehen hatten und uns vorstellten, dort müssten wir den Winter verbringen, waren wir alle scharf auf die Stadt, wenn wir nicht in der Steppe verrecken wollten.“

Am 14. Oktober wird Kurt Eichhorn, der bis dahin im Krieg noch nie einen Schuss abgegeben hat, in einen Großangriff auf das Zentrum der Stadt geschickt: „Man hatte uns vorher gesagt: alle fünf Minuten verlegt die Artillerie das Feuer um fünfzig Meter nach vorn. In diesen fünf Minuten müssen die fünfzig Meter genommen werden. Wie der Angriff losging, dachte ich, die Erde geht unter. Es war nur Krach und Feuer, als wenn der Himmel die ganze Erde umpflügt. Menschen haben geschrien, die tödlich getroffen waren, Pferde haben geschrien. Es war eine unheimliche Macht am Werk, das Inferno. Auf beiden Seiten schoss die Artillerie, aber es nutzte keinem. Gefährlich waren das Gewehrfeuer und viele Angriffe mit Handgranaten. Man war immer angespannt, voller Furcht und zugleich auch stumpfer und stiller. Alle haben Angst gehabt.“

Angst vor den russischen Soldaten, die von der Wehrmacht und der Propaganda als „bolschewistische Barbaren“ und Soldateska beschworen werden, die keine Gefangenen machen. Angst aber auch vor den eigenen Vorgesetzten. Je höher im militärischen Rang, desto menschenverachtender ist häufig die Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Mannschaften, der verbliebenen Zivilbevölkerung und den gefangenen Rotarmisten, die, wie später die deutschen Soldaten in russischen Lagern, kaum Aussicht auf ein Überleben haben. Es sind beide Seiten, die Okkupanten wie die Verteidiger der schon weitgehend zerstörten Stadt, die den Kampf radikalisieren um jeden Preis. So weit, dass der damals 21-jährige Schütze Johann Scheins 60 Jahre später sagen wird: „Wir waren ja keine Menschen mehr!“

Nicht allein im Kampf aber geht in dieser Stadt das Gefühl verloren, doch einmal ein Mensch gewesen zu sein. Ende Oktober, der Kessel existiert noch gar nicht, beobachtet Jakob Vogt auf seinem Hauptverbandsplatz in einer Kirche sechs Kilometer vor Stalingrad einen rätselhaften Vorgang: „Wir bekamen dort auch Leute mit nur leichten Verwundungen, die wir versorgten und dann in unserer Kirche hinlegten. Am nächsten Morgen, wenn nach ihnen geschaut wurde, waren sie tot. Solche Fälle hatte es zuvor nicht gegeben. Am Anfang haben wir zu wenig darauf geachtet. Erst, als sich die Todesfälle mehrten, fragten wir uns, was da passiert.“ Als diese Fälle wie eine Epidemie um sich greifen und auch Menschen ohne Verletzungen sterben, wird aus Berlin ein Pathologe nach Stalingrad geschickt, der einige der Toten seziert und schließlich dem Oberkommando der Wehrmacht meldet, dass ihre Soldaten „im Dienst verhungern“.

Zu dieser Zeit verschärft der kommandierende General Freiherr von Gablenz einen seiner Befehle, den er schon im September ausgesprochen hatte: „Die Lethargie der Mehrheit der Soldaten muss durch aktivere Führung ausgeglichen werden. Ich werde mit aller Strenge, die das Gesetz verlangt, vorgehen. Jene, die auf ihrem Posten an der Front einschlafen, müssen mit dem Tode bestraft werden. In die gleiche Kategorie fällt Ungehorsam, der auf folgende Art zum Ausdruck kommt: mangelnde Sorgfalt im Umgang mit den Waffen, dem eigenen Körper, der Kleidung, Pferden und mechanischer Ausrüstung.“ In den folgenden Wochen wird die 6. Armee, angeleitet von ihren Generälen, die unter dem Kommando von Generaloberst Friedrich Paulus stehen, Hunderte der eigenen Soldaten erschießen lassen. Menschen, die jetzt in der ersten Novemberwoche, in der starker Frost eingesetzt hat, nicht nur unterernährt, sondern auch von Läusen und Durchfallerkrankungen, von Malaria und Typhus gequält werden und meist ohne Winterbekleidung kämpfen und auf ihren Posten stehen sollen.

Dahinter verschwindet das Bild der russischen Zivilisten. In der Erinnerung der überlebenden deutschen Soldaten ebenso wie in der gegenwärtigen öffentlichen Wahrnehmung, in der sie reduziert werden auf die Elendsgestalten inmitten der Trümmer. Auf Frauen und Kinder, die zerlumpt und mit verstörten Gesichtern zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee meist vergeblich Wege des Überlebens suchen. Neben der Stadt waren aber bis Ende August rund um Stalingrad 16 Landbezirke von der 6.Armee besetzt worden – das Gebiet, das später zum Kessel werden wird. Dort, unmittelbar hinter den kämpfenden Einheiten, etablieren sich jetzt die Militärkommandanturen, die eng mit der meist von Russen gestellten Polizei, der Gestapo, dem SD (Sicherheitsdienst) und der Abwehr zusammenarbeiteten. Einschüchterungen, Drohungen, Razzien und die Erschießung von Partisanen und Verdächtigen, die zumeist von der Gestapo und den Polizeikräften ausgehen, sind alltäglich. Die russische Bevölkerung soll zu Hilfswilligen oder stummen Befürwortern der Besatzungsmacht gemacht werden, dort, wo sich anhaltender Widerstand zeigt, soll auch deportiert oder gar getötet werden.

Das Regime aus Gestapo, SD und Polizei ist skrupellos, es arbeitet mit Zuckerbrot und Peitsche und spielt mithilfe von Spezialisten der Wehrmacht virtuos auf der Klaviatur der Propaganda. Kirchen werden eröffnet, Plakate ausgehängt, auf denen Bauern Land versprochen wird, auch wenn es schließlich meist nur die Kulaken, die Großbauern, sind, die ihre von den Sowjets beschlag- nahmten Besitztümer zurückerhalten. Kinos werden gegründet und, nachdem alle anderen Zeitungen verboten worden sind, deutsche Blätter herausgegeben wie die Kotelnikower Wahrheit, die eher subtil die nationalsozialistische Ideologie als Religion der Zukunft preist. Ärzte und Angestellte des sowjetischen Staatsapparats werden als Kollaborateure und Agenten des deutschen Besatzungsapparats gewonnen und rücken, ausgestattet mit neuen Filzstiefeln und warmen Jacken, auf die Verpflegungslisten der Wehrmacht.

Am erfolgreichsten aber sind die deutschen Besatzer mit ihrer Politik aus Gewalt und Drohungen, aus Geben und Nehmen unter den Jugendlichen. Als gut belohnte Spitzel, wird der NKWD später festhalten, führen sie nicht nur Razzien an, mit denen Wehrmacht, Gestapo und SD Jagd auf Partisanen machen, sondern arbeiten auch bei der Polizei, in den Dorfverwaltungen und Wirtschaftsämtern der Besatzungsmacht. Diese Situation wissen auch deutsche Offiziere und Soldaten privat zu schätzen und machen, so die Akten des NKWD, einen erheblichen Teil der jungen Mädchen zu ihren Mätressen.

Johann Scheins erinnert sich: „Ich bin herumgestreunt, war neugierig. Ich war ein Zigeuner. Die vom Feldgericht, die hatten zwei Busse von der Reichspost und standen mit denen in ’ner Schlucht, schön geschützt… Und die hatten auch Huren. Und als die mit denen im Bus am Singen waren, hab ich mir einen Dreikantschlüssel besorgt. Hingekrochen, der Kofferkasten ging auf, und dann hab ich ein paar Flaschen Schnaps geklaut. Das war ein paar Tage, nachdem der Kessel dicht war. Da haben sie noch gesungen, der Hitler hatte gesagt, er holt uns raus.“

Der Schnee als Leichentuch für eine ganze Armee

Am 19. November 1942 beginnt die Rote Armee ihre schon seit langem unter großer Geheimhaltung vorbereitete Offensive mit einer Million Soldaten an drei Fronten, im Norden, Süden und Osten von Stalingrad. Es ist neblig und kalt an diesem Tag und das von Trompetensignalen eingeleitete Feuer der russischen Artillerie so massiert und heftig, dass es noch aus einer Entfernung von 50 Kilometern von deutschen Soldaten wahrgenommen wird, weil „der Boden zitterte und dröhnte“. Der Angriff kommt nicht ganz unerwartet, aber sowohl Hitler wie seine Generäle sind völlig überrascht von seinen Ausmaßen, denn noch immer gilt für sie die hochmütige und wirklichkeitsfremde Parole, dass die Rote Armee geschlagen sei und kaum noch über nennenswerte Reserven verfüge.

 

 

Drei Tage braucht General Paulus, bis er das Ziel der russischen Zangenbewegung erkennt: die vollständige Einkreisung seiner Armee. 290000 Menschen sind nun eingeschlossen. Zu ihnen gehört auch der Schuhmacher Bertold König, der nach dem Straßen- und Häuserkampf, in dem sein Regiment von den Russen buchstäblich aufgerieben worden war, nun in der Etappe mehr als 20 Kilometer vor der Stadt sitzt.

Winterquartiere sollen hier draußen in der Steppe gebaut werden, weil sich die 6. Armee mit der Zerstörung der Stadt auch selbst den Boden entzogen hat, dort den russischen Winter zu überleben. In diese Stellungen hinein platzt der russische Aufmarsch und macht die Etappe mit all ihren Versorgungseinrichtungen und Depots der Armee innerhalb von Stunden zur Front. „Am Morgen, als der Russe angriff“, erzählt Bertold König, „sah ich, wie in der Nähe ein Lastwagen explodierte und dann ein ganzes Munitionslager in die Luft flog. Aber da haben wir immer noch nicht geglaubt, die Russen greifen an. Dann aber begann ein heilloses Durcheinander. Wir sind stiften gegangen und einfach hingelaufen, wo noch Platz war, wo der Russe nicht war. Alle fuhren kreuz und quer, und ich hörte keinen Offizier, der noch irgendeinen Befehl gab. Nur ein Bild steht mir noch ganz genau vor Augen. Ich hatte, als der Angriff losging, Wache. Es schneite leicht, die Flocken tanzten durch die Luft, und auf der weiten Steppe lag ganz fein der Schnee. Der, mit dem ich auf Wache war, sagte: ‚Das sieht aus wie ein Leichentuch.‘ Und ich dachte, das ist doch einfach makaber, was der da sagt. Aber es war eins. Ein Leichentuch für die ganze Armee.“ Nach dem ersten Schock verbreiten die Offiziere Zuversicht, und die Mannschaften glauben, was sie hören: „Das ist nicht das erste Mal, dass wir eingeschlossen sind. Da kommen wir wieder raus! Die Truppe muss zusammenhalten.“

Der Ausbruch jedoch, der in den ersten Tagen noch Aussicht auf Erfolg hat, bleibt aus. Die Generäle bestärken Hitler in der Auffassung, dass ein Rückzug der Anfang vom Ende wäre. Als er am 24.November in einem „Führerentscheid“ Stalingrad, wo es kaum ein noch unversehrtes Haus gibt, zur „Festung“ erklärt, erhält er Unterstützung von seinem Generalfeldmarschall Erich von Manstein – wider besseres Wissen. In einem eilig erstellten Lagebericht teilt er seinem Führer mit, dass der Ausbruch der 6. Armee nicht nur möglich, sondern auch der sicherste Weg sei, um Schlimmeres zu verhindern. In der Stadt und der Kalmückensteppe zu bleiben, beurteilt er aber als das „größte Risiko“, um dann als schneidiger Feldherr doch genau dafür zu plädieren.

 

 

Die eingeschlossene Armee soll pro Tag mit 350 Tonnen aus der Luft versorgt werden. Nicht mehr als eine schöne Illusion. Die tägliche Versorgung bleibt im Durchschnitt unter 100 Tonnen, von denen nur ein geringer Anteil Lebensmittel sind. Bei Temperaturen von mittlerweile minus 20 Grad werden stattdessen Säcke mit Haarwaschpulver, Kisten mit Kölnisch Wasser und in einer Ausgabe der Feldbücherei Oswald Spenglers bizarres Traktat über die Selbstzerfleischung Europas, Der Untergang des Abendlandes, eingeflogen. Nur einer kleinen ausgewählten Gruppe gelingt es, mit den Transportflugzeugen vorläufig in Sicherheit zu kommen – Verletzte und Kranke gehören nicht dazu. Schließlich aber werden doch Leichtverwundete ausgeflogen, die schnell wieder zurück an die Front können. „Das war schwer zu ertragen“, erinnert sich der Arzt Jakob Vogt. „Unsere schwerverwundeten Soldaten begriffen, dass sie nicht mehr ausgeflogen wurden. Sie wurden einfach abgelegt. Zugleich wussten sie, dass Spezialisten ausgeflogen wurden oder höhere Offiziere den Schein bekamen, mit dem sie ins Flugzeug steigen konnten. Das mit anzusehen, sich hilflos zu fühlen, war das schlimmste Elend. Man hörte auf zu sprechen, wurde schweigsam, und wenn die Leute fragten und man antworten musste, dann versuchte man Optimismus in die Stimme zu legen. Und man hörte sich und wusste, dass es vergeblich war.“

Manstein hat im Dezember seine hochgemute Beurteilung der militärischen Lage längst revidiert. Ohne dabei einen letzten Konflikt mit Hitler zu riskieren, setzt er sich dafür ein, dass die 6. Armee bei der Offensive, die er plant, um den Kessel aufzubrechen, nicht länger still hält. Sie müsse ihre Stellungen in Richtung Westen zurücknehmen oder ganz aufgeben. Fast im gleichen Atemzug aber lehnt er gegenüber Paulus, der zwar auf Handlungsfreiheit drängt, aber sich vom militärischen Kadavergehorsam nicht trennen kann, jeden Gedanken an Rückzug ab. Gleichsam als Absolution schreibt er dem zaudernden General: „Was wird, wenn die Armee in Erfüllung des Befehls des Führers die letzte Patrone verschossen haben sollte, dafür sind nicht Sie verantwortlich.“

Beide Generäle haben ebenso wie das Oberkommando der Wehrmacht ihre Verantwortung für die ihnen unterstellten Menschen abgestreift und eingetauscht gegen den unbedingten Gehorsam vor „ihrem Führer“ und gegen dessen schwankendes Wohlwollen. Drei Tage vor Weihnachten 1942 bleibt die Operation „Wintergewitter“, mit der General Hoth die 6. Armee befreien soll, stecken. Die Armee und ihre Menschen sind nun endgültig zum Faustpfand Hitlers und seiner höchsten Offiziere geworden, dennoch bindet sie sieben russische Armeen und macht den Rückzug der Heeresgruppe A von den Ölquellen und aus dem Kaukasus in letzter Minute möglich. „Man hörte“, berichtet Jakob Vogt, „den Hoth schießen und rieb sich die Hände. Der kommt, der hat genug Panzer. Und dann hörte man nichts mehr. Es sprach sich schnell herum, er war abgezogen worden. Da kam die Idee auf: Vaterland oder Patriotismus, alles schnuppe. Ich will überleben, die, denen du den Treueid geschworen hast, die scheißen auf dich.“

 

 

Die Ration gefrorenes Brot sinkt Ende Dezember auf unter 100 Gramm, im besten Fall auf zwei Scheiben. Es gibt kaum Feuerholz, und die Pferde sind als halb rohe Frikadellen, als Suppe und Sülze in die Kochtöpfe gewandert. Die rote, giftige Dichtungsmasse aus den großen Getreidesilos an der Wolga, in die russische Soldaten Kerosin gepumpt haben, wird gegessen und das Öl aus den Waffenfabriken, in dem zuvor Geschützrohre gekühlt worden sind. Hunde, Katzen, Ratten und Mäuse sind zu Delikatessen geworden, aber der Hunger bleibt, ist Begleiter bis in den Tod. Nicht mehr als Kampf, sondern als „Wartezeit“ hat der 28-jährige Student und Oberleutnant Ernst Priebatsch diese Wochen im Januar 1943 in Erinnerung: „Nachdem Ende Dezember klar war, dass niemand uns entsetzen würde, dass wir auf nichts hoffen konnten, begann eine Wartezeit. Es war, als hätten sie Vieh auf einem Schlachthof in einem Gatter zusammengetrieben, und dann werden einzelne Tiere herausgeholt und getötet. Es gab keine Rebellion, es wurde nicht gemeutert, es war eine Mischung aus Angst und Unruhe, und wir kamen uns vor wie dieses Vieh auf dem Schlachthof, wenn es weiß, dass es getötet werden soll.“

Von Hitler und den Generälen zum Tode verurteilt

Verraten fühlen sich die Menschen und von ihrer eigenen Führung, von Hitler und den Generälen zum Tod verurteilt. Das Aufbegehren jedoch bleibt aus. Erstickt von der Kraftlosigkeit, vom Verlust der Hoffnung, von der Angst vor den Vorgesetzten, die sich doch nicht überwinden lässt. Aber es ist in den Köpfen, wie es der Arzt Jakob Vogt in seiner Kirche erlebt, in der längst ohne Betäubungsmittel amputiert wird, in der es keine Medikamente und keinen Verbandsstoff mehr gibt. „Die Leute sagten sich, wir werden abgeschrieben. Wir sollen Stalingrad halten, damit die Front im Süden nicht ganz zusammenbricht. Das heißt, ich soll vernichtet werden. Als das den Leuten klar wurde, da glaubten sie, zu Hause würden ihre Angehörigen sich das nicht bieten lassen. Sie würden auf die Barrikaden gehen, Hitler und seine Regierung stürzen und das Militär davonjagen. Sie glaubten, es würde eine Revolution kommen.“

Unter den Mannschaften wächst die Verweigerung, auch wenn sich überlebende höhere Offizier später gern an „die Disziplin bis zum letzten Augenblick“ erinnern. Der Oberleutnant Ernst Priebatsch, der mit einer Gruppe Soldaten die Russen aufhalten soll, sagt ihnen, „dass sie sich aus dem Staub machen sollen, und alles hat sich zerstreut“. Auch für den Gefreiten Bertold König ist Apathie und Verweigerung eine alltägliche Erfahrung in diesen letzten Wochen: „Im Januar funktionierte das mit der Befehlsgewalt nicht mehr. Das erlebte man jeden Tag, dass Offiziere kamen, auch mit der Pistole, und sagten: ‚Du musst an die Front, auf.‘ Dann antworteten die: ‚Du kannst mich ja erschießen, ich hab keine Lust mehr. Ich mach nicht mehr mit.‘ Bei den meisten Offizieren hat sich dann aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass es dem Ende zuging.“

Das Ende kommt für Bertold König am 15.Januar, einige Tage nachdem Paulus eine Kapitulation abgelehnt und die Rote Armee mit einem Großangriff begonnen hat, um den Kessel zu spalten. „In heilloser Flucht“, erinnert er sich, „strömte alles zurück nach Pitomnik.“ Auf dem Flugfeld Pitomnik, einem ehemaligen Maisfeld, das unter Schneewehen begraben liegt und von den Russen bereits bedrängt wird, sieht Bertold König „Tausende Verwundete da auf freiem Feld“ liegen. „Halb eingeschneit waren sie, und wer noch laufen konnte, ging einfach über die hinweg. Ich hab immer nur gedacht: Du darfst den Verstand nicht verlieren. Ein Großteil der Landser war nicht mehr bei Sinnen. Die schlugen sich mit dem Stahlhelm auf den Kopf oder waren völlig apathisch. All das Elend hat sie um den Verstand gebracht. Und dann der eisige Wind, die Kälte, in der die Glieder abfrieren, und nichts zu essen, die sind übergeschnappt.“

Ein Stückchen Brot aus der Tasche eines Toten

Das letzte Flugzeug verlässt am 21. Januar den Behelfslandeplatz Gumrak, nach dem Pitomnik in die Hand der Russen gefallen ist. In ihm sitzt Bertold König, ohne dass ihn jemand aufgehalten hätte. Die Männer aber, die sich in letzter Verzweiflung an die Fahrgestelle klammern, sind eine der Legenden rund um Stalingrad. Weder der Gefreite Otto Thalheimer, der bis zum Schluss als Funker auf einer der Maschinen fliegt, noch Bertold König haben sie gesehen. „Das Elend“, sagt König, „war furchterregend, es sah aus, als ob alles drunter und drüber geht. Aber als die Maschine beladen wurde, da sind die Soldaten nicht losgestürzt, die waren längst zu schwach und apathisch.“

Auch dass der gemeinsame quälende Hunger deutsche Soldaten und russische Zivilisten gleichgemacht habe und dass man, wie ein deutscher Offizier im Fernsehen erzählt hat, „nur noch Mensch gewesen“ sei, gehört zu den Mythen, die das Grauen zudecken. In den letzten Tagen berichten sowjetische Kundschafter aus dem Kessel an den NKWD, dass sich nicht wenige „Soldaten der eingekesselten Truppen nur noch durch die Beraubung der Bevölkerung ernähren“ könnten. Es ist die Fortsetzung einer vom Generalstab der 6. Armee angeordneten Plünderung, in der, geführt von den russischen Dorfältesten und begleitet von Wehrmachtsoldaten, im ganzen Kessel Lebensmittel, Vieh, Kleidung, Schuhe und Bettdecken konfisziert werden. Was die Menschen, Russen wie Deutsche, dann schließlich doch gleichmacht, ist, dass es nichts mehr gibt, außer vielleicht einem Stückchen Brot in der Tasche eines Toten, dessen Kleidung noch nicht durchwühlt worden ist.

Jetzt, in den letzten beiden Wochen, erlebt der Arzt Jakob Vogt, wohin Hunger und Verzweiflung Menschen treiben können. Auf seinem Verbandsplatz liegen die ausgezogenen nackten Toten, deren Kleidung man braucht, auf einem Stapel „wie Eisenbahnschwellen. Vergraben konnten wir die nicht mehr. Festgefroren lagen sie da, und die Leute gingen hin und tranchierten die Leichen. Sie schnitten ihnen die Arschbacken raus und haben sie gekocht. Das ging schon vor dem Ende los und auch nach der Gefangennahme, als ein Teil der Leute noch frei in Stalingrad herumlaufen konnte, wurde Menschenfleisch gekocht und gegessen.“

Vereinzelt kommt es noch zu Kämpfen, von Offizieren erzwungen oder angeleitet von der Angst, „von einem Russen erschossen oder mit dem Spaten erschlagen“ zu werden. Die große Zahl der Überlebenden hat aber längst resigniert. „Es gab“, erinnert sich der Offizier Ernst Priebatsch, „in der Innenstadt schon keine Häuserkämpfe mehr. Bei uns saßen alle im Keller, versuchten sich aus allem rauszuhalten.“ Nicht allein der Verlust der Befehlsgewalt bestimmt jetzt das Bild der Armee, sondern auch wachsende Anarchie und Selbstmorde in großer Zahl. Es sind in der Mehrheit Verzweifelte, die sich nichts anderes mehr vorstellen können als einen Tod, den ihre Generäle für sie vorherbestimmt haben. Sie töten sich einzeln, gegenseitig und auch als Kollektiv.

„Ich hab gesehen“, erinnert sich Johann Scheins, „wie sie aus den russischen Häusern kamen, das waren 200, 300 Mann. Auf das Eis von der Wolga haben sie die Munition gepackt. Hingestellt mit alle Mann. Es lebe Deutschland. Dann gab es einen Knall, das Eis ging unter Wasser, kam wieder hoch, drehte sich ein paarmal, und die war’n weg. Die wussten nicht mehr weiter und hatten ein paar Fanatiker bei sich.“ Die Fanatiker sind noch da, es sind Einzelne, meist hohe Offiziere in den Stäben. In ihren letzten Funkmeldungen aus dem nun in zwei Teile gespalteten Kessel, den die Rote Armee bis auf die Stadt zusammengeschnürt hat, „weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad“und kämpfen die Soldaten „ohne schwere Waffen… bis zum letzten Erschöpfungszustand“. Im Chor mit der Propaganda von Joseph Goebbels verbreiten Paulus und einige seiner Offiziere das Heldenepos vom „Kampf bis zum letzten Mann“: „Unser Kampf“, funkt Paulus am 29. Januar an Hitler, „möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen.“ Auch diese Legende hat überlebt und wird heute verwandt, um von den einfachen Soldaten zu erzählen, die fanatisch bis zum Schluss gewesen seien.

Am 30. Januar 1943 ergibt sich erst der Nord- und zwei Tage später auch der Südkessel der Roten Armee. 92000 Menschen kommen in russische Gefangenschaft. Fast alle krank, halb verhungert und viele von ihnen verletzt. Es kommt zu Erschießungen, Misshandlungen und Plünderungen. Die Masse der Gefangenen aber bleibt zunächst am Leben und wird in Gefangenenlager gesperrt. Von ihnen sind nur 5000 zurückgekehrt. 150000 Deutsche aber, die in Stalingrad waren, gelten heute noch als vermisst, auch nach 60 Jahren gibt es noch immer viele Familien, die nach dem Großvater, dem Vater und dem Bruder suchen.

Vom selben Autor ist das Buch „Im Kessel – Erzählen von Stalingrad“ (Piper, München 2002) erschienen(c) DIE ZEIT 05/2003

Mythos einer Schlacht

Hilfe unter Feinden

Bahnhof Stalingrad – in den oberen Etagen des Gebäudes wird gekämpft, während unten Sanitäter beider Seiten die Opfer versorgen

Es ist der Abend des 30. Januar 1943, draußen herrschen 30 Grad minus, in unserem Verbandszelt sind es nur wenige Grad über null. Der fürchterliche Schneesturm macht die strenge Kälte noch unerträglicher. Einige vom medizinischen Personal nutzen eine kurze Pause zur Erholung, sitzen um den glühenden Ofen, rauchen, stippen harten Zwieback in heißes Wasser in Bechern. Mit anderen Ärztinnen und Krankenschwestern will ich mich gerade in einem Erdunterstand aufwärmen, da werden wir zum Brigadearzt befohlen. Unsere Brigade oder das, was von ihr übrig blieb, erhält den Befehl, noch in dieser Nacht auf jeden Fall den Bahnhof Stalingrad 2 zu besetzen.

Wir beladen den letzten uns verbliebenen Sanitätskraftwagen mit Verbandsmaterial und Medikamenten, um ins Kampfgebiet zu fahren und den dort eingesetzten Sanitätszug zu verstärken. Wir fahren durch die zerstörten und verschneiten Vororte. Im Licht der Autoscheinwerfer, das wir nicht mehr abzudunkeln brauchen, weil mit feindlichen Fliegern nicht mehr zu rechnen ist, sehen wir vormarschierende Soldaten und Fahrzeuge mit Kriegsgerät. Die Straßen sind halbwegs von Trümmern geräumt, rechts und links stehen nur noch die Gerippe hoher Häuser, kahle Mauern mit leeren Fensterhöhlen und nackten Balkonen.

Zwischen den Trümmern brennen Feuer, an denen sich Soldaten wärmen. Die Kälte setzt ihnen bitter zu, trotz Filzstiefeln und großzügiger Zuteilung von Wodka; nur wenige haben Pelzjacken. Überall eingestürzte Verteidigungsstellungen und die gefrorenen Leichen gefallener feindlicher Soldaten, mancherorts in langen Reihen aufgestapelt. Einige hat man mit Diesel übergossen und angezündet, sie glimmen wohl schon seit Tagen. In großem Umkreis verbreitet sich der Gestank verkohlenden Fleisches. Der hart und tief gefrorene Boden erlaubt es nicht, die große Zahl von Leichen zu beerdigen.

Nach Mitternacht erreichen wir den Einsatzort. Im Keller eines zerstörten Hauses, etwa 200 Meter vom Bahnhof entfernt, richten wir unseren medizinischen Stützpunkt ein. Wir installieren eine elektrische Glühbirne, die von einem Panzer-Akku gespeist wird, eine Petroleumlampe und zwei mit Diesel gefüllte Granathülsen mit Dochten. Das ist unsere Beleuchtung. Ein eiserner Ofen kann den Keller nicht erwärmen, durch die zerschlagenen Fenster treiben Schnee und Kälte herein.

Wir verstopfen die Fensterlöcher mit Matratzen und unseren Umhängen, bauen Tische und Kisten auf und sortieren unser Material. Draußen räumen wir Schnee und Trümmer so gut es geht beiseite. Um uns herum bereiten sich unsere Soldaten auf den Angriff vor. Geschütze, Granatwerfer und Flugzeugabwehrkanonen werden in Stellung gebracht. Alle Rohre richten sich auf den Bahnhof, dessen Umrisse sich in der Dunkelheit deutlich abzeichnen. Mit einem klatschenden Geräusch steigen jetzt Leuchtkugeln in den Himmel. Kurz werden jedes Mal die leeren Höhlen der Fenster und Eingänge des Bahnhofs sichtbar. Der Angriff beginnt.

Im Licht der huschenden Scheinwerfer, im Aufflammen detonierender Granaten und Minen, im Mündungsfeuer der Maschinengewehre leuchtet ein Reigen tanzender Kinderfiguren in der Dunkelheit auf. Es ist ein unheimliches Schauspiel: ein Tanz zur Orchesterbegleitung des Krieges, wie in Todeszuckungen sich bewegende Tänzer. Geschütze verschiedener Kaliber speien ihre Geschosse gegen die Feinde. Pfeifendes Getöse dringt ohrenbetäubend auf den Platz, den Bahnhof und die Ruinen ringsum. In diesem Feuer und Waffenlärm setzen die Kinderfiguren am Brunnenrand ihren rasenden Reigen fort. Ein Tanz wie ein Schrei nach Leben.

Der Bahnhof schweigt unter dem Artilleriefeuer. Wir hören das Dröhnen unserer Panzer, sie rollen nach vorn. In ihrer Deckung dicht gedrängt die schwarzen Gestalten der Marineinfanterie. Nun fängt auch der Bahnhof an, aus seinen hohlen Mündern in der Sprache des Krieges zu bellen. Die Deutschen schleudern Handgranaten und Molotowcocktails gegen unsere angreifenden Truppen, schießen Panzerfäuste, feuern aus ihren automatischen Waffen. Von den Sturmtruppen fällt ein Mann nach dem anderen. Unsere Sanitäter erreichen kriechend die Verwundeten und zerren sie nach hinten, einige fallen tot neben den Verwundeten um.

Der Reigen der Figuren hört nicht auf. Im flackernden Schein der Leuchtspurgeschosse und Explosionen setzen sie ihren Opfertanz ungestüm fort. Schnee fällt immer dichter, so, als seien die Schneeflocken bemüht, die Toten und die Tänzer zu schützen vor weiterer Zerstörung durch diesen menschlichen Wahnsinn. Doch ihr Bemühen ist vergeblich.

Jetzt werfen sich auch die Kämpfer der Schützendivision mit Hurra-Geschrei in den Kampf. Die Panzer, auf denen sie kauerten, sind direkt an das Bahnhofsgebäude herangefahren. Hinter den Türmen der Panzer hatten die Schützen Deckung vor dem Abwehrfeuer der Feinde gesucht, oft vergeblich. Sie werfen Handgranaten durch die Fenster und springen hindurch – zum Nahkampf mit Spaten, Gewehrkolben und Bajonetten. Von Treppenabsatz zu Treppenabsatz, von Zimmer zu Zimmer müssen sie sich vorkämpfen.

Die Winternacht geht zu Ende. In den oberen Stockwerken wird noch geschossen. Vor der Frontseite des Bahnhofs brennen vier Panzer, es sind die Letzten unserer Brigade. Rauchschwaden ziehen über den Platz. Überall liegen Gefallene und Stöhnende im Schnee. Unsere Sanitäter ziehen die Verwundeten auf Zeltbahnen und Umhängen über den Platz zum medizinischen Stützpunkt.

Im ersten fahlen Licht des Tages, das mühsam durch den Rauch dringt, schwindet die Wildheit des gespenstischen Reigens, ganz so, als erstarre er allmählich zu seiner vorausbestimmten Form.

Die Verwundeten werden ins Feldlazarett abtransportiert. Für die Schwerverwundeten haben wir nur noch einen Sanitätskraftwagen, die anderen müssen den Transport im planengedeckten Lkw auf sich nehmen. Beim zweiten Transport bin ich als Begleiter dabei. Es gelingt uns nicht, alle Verwundeten lebend ins Lazarett zu bringen. Einige sterben unterwegs am großen Blutverlust oder am Schock. Bei manchen bluten unter gefrorenen Verbänden die Wunden weiter, ohne dass wir eingreifen können. Von der Fahrt zurück, bin ich ziemlich verzweifelt.

Der Lärm der Schlacht ist verstummt. Einige Deutsche haben sich ergeben. Von den Gefangenen erfahren wir, dass bei den Deutschen diejenigen Soldaten, die sich während des Kampfes ergeben wollten, von eigenen Leuten erschossen wurden. Während in den oberen Etagen des Bahnhofs noch gekämpft wurde, sind unsere Sanitäter unter Gefahren in einen Gebäudeflügel eingedrungen und haben dort notdürftig einen Verbandsplatz eingerichtet. In getrennten, aber benachbarten Räumen werden Verwundete der sowjetischen und der faschistischen Truppen untergebracht. Bei den Feinden gibt es sehr viele Erfrierungen. Die Sanitäter beider Seiten arbeiten zusammen, um allen Verwundeten möglichst schnell zu helfen.

Es ist schon Tag. Aus einigen Fenstern des Bahnhofs quillt dichter Rauch. Der Schnee bedeckt allmählich unsere Gefallenen. Aus dem Bahnhofseingang werden Gruppen Gefangener herausgeführt. Diese menschlichen Geschöpfe bieten einen beklagenswerten Anblick. Mit Tüchern über den Feldmützen, zerrissenen Decken über den Uniformen, Lappen und Stroh um die Stiefel gewickelt, versuchen sie, sich gegen die Kälte zu schützen.

Die Bilder von Kampf und Tod, von Leichen und um Hilfe flehenden Verwundeten versetzen die um den Brunnen tanzenden Kinder in Grauen. Ihre Bewegungen werden langsamer und erstarren mit zunehmendem Tageslicht ganz.

All diese gefallenen Kämpfer, manche so jung noch und von keinem Mädchen geküsst, hätten sich einreihen sollen in den Tanz zum Ruhme des Lebens. Aber geküsst hat sie der Tod, und der Tanz der Figuren um den Brunnen ist erstarrt zu kaltem Stein. Die Fontäne in der Mitte des Brunnens – immer noch sprudelt sie aus den Tränen, die Mütter, Frauen und Kinder, Freunde und Verwandte um die gefallenen Kämpfer verschiedener Völker und Nationen geweint haben.

Übersetzung aus dem Russischen: Gerhard Stahl

Leonid Fialkovski, geboren in Weißrussland, setzte sein Medizinstudium nach dem Krieg in Leningrad fort. Später arbeitete er als Chefarzt für Innere Medizin in der Ukraine. Nach dem Super-GAU von Tschernobyl half er den Opfern. Seit 1995 lebt Fialkovski mit seiner Frau in Karlsruhe