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De dood als machtsmiddel. Het vervolg 4

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Krankenschwester-Prozess der Kreisklinik Tuttlingen

Krankenschwester-Prozess ist zu Ende – Fragen bleiben

TUTTLINGEN (här) Warum haben die Verteidiger so schnell eingelenkt, obwohl sie einen Großangriff auf Prof. Joachim Nadstawek, den medizinischen Sachverständigen, gestartet hatten?

Anwalt Christian Bärnreuther zog zwar alle Register, um das Gutachten zu erschüttern, in Detailfragen gelang ihm das auch. Aber im Prinzip blieb Prof. Nadstawek bei seiner Darstellung. Und die belasteten die Angeklagte schwer. Zudem machte das Gericht deutlich, dass es den in Aussicht gestellten Antrag der Verteidiger, ein Gegengutachten einzuholen, ablehnen würde.

Warum hat sich die Angeklagte zu einem Geständnis entschlossen?

Es war offensichtlich, dass ihr das sehr schwer fiel, zumal sie vor ihren Freunden und früheren Kollegen aus der Tuttlinger Kreisklinik stets ihre Unschuld beteuert hat. Letztlich aber ging es darum, ob sie auf freiem Fuß bleibt oder ins Gefängnis muss. Das Gericht bot für den Fall eines Geständnisses eine Bewährungsstrafe an und machte deutlich, dass es auch im anderen Fall zu einer Verurteilung kommt, dann aber mit einer Haftstrafe. Die 45-jährige hatte in ihrer 44-tägigen Untersuchungshaft einen Vorgeschmack davon bekommen, wie es im Gefängnis zugeht. Das wollte sie nicht noch einmal erleben.

Warum sprach das Gericht kein Berufsverbot aus?

Diese Möglichkeit hätte bestanden. Den Ausschlag gab der psychiatrische Gutachter, Dr. Ralf-Michael Schulte. Er bescheinigte der Krankenschwester eine "günstige Prognose" und erklärte: "Es gibt keine Hinweise, dass sie wieder straffällig wird." Auf Nachfrage fügte er an: "Eine Rückfallgefahr lässt sich aber nicht ganz ausschließen."

Kann die Frau zurück in ihren Beruf?

Das wird "schwer bis unmöglich", wie Dr. Albrecht Foth, der Leitende Oberstaatsanwalt, anmerkte. Auch als Altenpflegerin seien die Chancen gering. Deshalb bleibe ihr nur die Möglichkeit, sich umzuorientieren. Nachdem die Krankenschwester in Tuttlingen entlassen worden war, fand sie eine Stelle im weiteren Umkreis. Dort wurde ihr aber gekündigt, als das anstehende Gerichtsverfahren bekannt wurde.

Was kostet der Prozess?

Experten haben nachgerechnet und schätzen inzwischen einen Betrag von rund 80 000 Euro. Zwei Fünftel trägt die Staatskasse, für den Rest muss die Angeklagte aufkommen. Das wären dann über 50000 Euro, hinzu kommt Schmerzensgeld von 10 000 Euro.

Warum hat sich die Gewerkschaft Verdi bereit erklärt, die Gerichtskosten zu übernehmen?

Gewerkschaftssekretär Felix Lenhard hatte vor Prozessbeginn erklärt: "Wir haben uns aber dazu entschlossen, weil wir von der Unschuld der Kollegin überzeugt sind." Lenhard ist inzwischen in Ruhestand. Der Verdi-Bezirksvorsitzende Berthold Maier reagierte auf Anfrage unserer Zeitung sehr allergisch auf das Thema: Er sei nicht bereit, über persönliche Dinge Auskunft zu geben, sagte er. Auch die Frage, ob das auch andere fordern könnten, ließ er unbeantwortet. Ein Sprecher des Verdi-Landesverbandes erklärte ganz allgemein, jeder Verdi-Bezirk habe im Rechtsschutz-Jahresetat eine sechsstellige Summe zur Verfügung. Wenn Vorsatz vorliege, könne der Rechtsschutz wieder eingezogen werden.

Was geschieht im Fall der beiden Patienten, die Anfang 2004 unter fragwürdigen Umständen verblutet sind?

In dieser Sache hat die Staatsanwaltschaft bereits ermittelt und das Verfahren eingestellt. Eine Obduktion der Leichen fand allerdings nicht statt. Dr. Albrecht Foth, der Leitende Oberstaatsanwalt, erklärte gestern, er werde sich nochmals mit den beiden Fällen befassen und dann entscheiden, ob neue Ermittlungen nötig seien.

Ist eine Revision möglich?

Ja.

Schwäbische Zeitung Online

 

Krankenschwester erhält zwei Jahre Haft auf Bewährung

Der Prozess gegen eine frühere Krankenschwester der Klinik Tuttlingen hat am Dinstag ein abruptes Ende gefunden: Nach einem überraschenden Teilgeständnis der Angeklagten verständigten sich die Prozess-Parteien auf eine gemeinsame Linie. Am Nachmittag verkündete die Schwurgerichtskammer das Urteil: Die Täterin kommt mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davon.

TUTTLINGEN/ROTTWEIL (här) Wer sich am Dienstag ins Rottweiler Landgericht begab und die Angeklagte vor dem Schwurgerichtssaal sah, der ahnte, dass sich etwas veränderte hatte seit dem Verhandlungstag am vergangenen Donnerstag: Die Frau, die bisher äußerlich so gelassen und selbstbewusst aufgetreten war, wirkte plötzlich wie ein Häuflein Elend. Sie blickte seltsam starr vor sich hin, ihre Tochter stand ihr tröstend bei. Schnell wurde der Grund klar: Hinter verschlossenen Türen bemühten sich das Gericht, der Staatsanwalt, die Verteidiger und Nebenkläger in wechselnden Besetzungen um eine "prozessuale Verständigung".

Nach über zweieinhalb Stunden erschien die Schwurgerichtskammer und berichtete über eine Einigung mit folgendem Inhalt: Die Angeklagte habe über ihre Anwälte ein Geständnis im Fall des Patienten E. D. angeboten. Im Gegenzug werde die Staatsanwaltschaft die sechs übrigen Anklagepunkte, darunter auch den wegen versuchten Mordes, vorläufig einstellen und das Gericht die Obergrenze der Strafe bei zwei Jahren Haft halten. Die weiteren Bedingungen: Die Angeklagte muss sich verpflichten, drei Fünftel der Verfahrenskosten zu tragen und außerdem Schmerzensgelder zu bezahlen: 7500 Euro an den Patienten E. D. und weitere 2500 Euro an einen anderen Nebenkläger.

Herbert Stahl, der Vorsitzende Richter, legte Wert auf die Feststellung, dass die Einstellung von sechs Fällen keinen Freispruch bedeute. Und vor allem legte er Wert auf ein klares Geständnis der Angeklagten. Das gab dann Anwalt Christian Bärnreuther in ihrem Namen ab: "Ich gebe zu, die Tat begangen zu haben, wie sie in der Anklageschrift aufgeführt ist." Auf die Aufforderung Stahls, das zu bestätigen, zögerte die Frau, dann sagte sie: "Ich stimme dem vollinhaltlich zu und mache es mir zu eigen."

So waren die Plädoyers nur noch Formsache: Oberstaatsanwalt Dr. Albrecht Foth betonte, der Patient E. D. hätte auch sterben oder einen schweren Hirnschaden davon tragen können. Angesichts "der hohen Bedeutung des Geständnisses" hielt der Ankläger eine zweijährige Bewährungsstrafe für ausreichend. Der Anwalt von E. D. berichtete, sein Mandant habe das Geständnis mit großer Erleichterung aufgenommen.

Die Anwältin eines anderen betroffenen Patienten sagte, sie gehe davon aus, dass die Krankenschwester auch ihren Mandanten mindestens einmal in Todesgefahr gebracht habe. Die beiden Verteidiger gaben sich kleinlaut und verwiesen auf die Abmachungen. Die Angeklagte verzichtete auf ein Schlusswort. Der extra aus Bonn nochmals angereiste Sachverständige Prof. Joachim Nadstawek konnte unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren.

Richter Stahl nannte in seiner Urteilsbegründung vor allem zwei Motive für die Tat: Die "ungewöhnliche Profilierungssucht" der Krankenschwester und ihr Interesse für eine bessere Stelle, um die sich auch ein anderer Pfleger bewarb. Sie habe den Notfall und die Rettung initiiert, um ihr besonderes Können unter Beweis stellen zu können. Stahl ließ keinen Zweifel daran, dass das Gericht angesichts "der Fülle an Beweistatsachen" auf jeden Fall zu einer Verurteilung gekommen wäre.

Den entscheidenden Beitrag habe Oberarzt Dr. Adolf Novotny geleistet. Das Geständnis sei wegen "der Befriedungsfunktion für das Krankenhaus Tuttlingen" von großer Bedeutung, betonte der Vorsitzende Richter. Zwar gehe es auch darum, die beiden Lager, die sich unter Pflegern und Ärzten gebildet hätten, aufzulösen. Entscheidender Maßstab aber seien "die informierten Bürger". Mit dem Geständnis und dem Urteil sei "die Schwachstelle in der Klinik aufgeklärt und damit auch das Vertrauen wieder hergestellt".

(Erschienen: 03.12.2008) Schwäbische Zeitung Online

"Geltungssüchtige" Krankenschwester verurteilt

Rottweil/Tuttlingen - Eine Krankenschwester aus Tuttlingen ist am Dienstag wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil sie einem Patienten eigenmächtig Medikamente gegeben hat.

Alarm verursacht - und ausgelöst

Vor dem Landgericht Rottweil hatte die 45-Jährige zuvor gestanden, dass sie dem Mann auf der Intensivstation »Succinyl« verabreicht hatte. Das Medikament führte zu einem kurzzeitigen Atemstillstand, der Mann fiel in den Zustand einer Wachlähmung: Alles um sich herum wahrnehmend, fürchtete er, bewegungslos ersticken zu müssen. Er musste schließlich wiederbelebt werden.

Den Alarm hatte die Angeklagte selbst ausgelöst. Die Anklage hatte der Frau sieben solcher Fälle zwischen Januar und April 2005 vorgeworfen. Die Krankenschwester sei von Geltungssucht getrieben worden. Für den einen Fall, der zu der Bewährungsstrafe führte, waren die Beweise eindeutig: Ursache der festgestellten Lähmung war die Medikamentengabe, als einzige handelnde Person kam die Krankenschwester infrage.

Dominant und angesehen

Nach einer Verfahrensabsprache wurden sechs von der Schwester nicht eingestandene »Behandlungen« fallengelassen. Die Staatsanwaltschaft hatte wie die Verteidigung auf eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung plädiert. Dem folgte das Gericht.

Neben der Bewährungsstrafe muss die 45-Jährige dem Intensivpatienten Schadenersatz zahlen. Eine Summe nannte das Gericht nicht. Die seit 1991 in Tuttlingen beschäftigte Krankenschwester habe dort ein sehr hohes Ansehen genossen, betonte Staatsanwalt Albrecht Foth während des Verfahrens.

Zugleich sei die Frau »dominant« gewesen und habe gern im Vordergrund gestanden. In Krisensituationen habe sie ihre fachliche Überlegenheit und »Coolness« besonders gut demonstrieren können. Deshalb habe sie sich entschlossen, solche Situationen selbst herbeizuführen.

Von Bodo Schnekenburger schwarzwaelderbode.de 03-12-08

 

Krankenschwester vor Gericht: Verteidiger erwägen ein Geständnis

Der 14.Verhandlungstag vor dem Landgericht Rottweil gegen eine frühere Krankenschwester der Kreisklinik Tuttlingen hat eine weitere Überraschung gebracht. Es wurde bekannt, dass die Verteidiger hinter verschlossenen Türen beim Gericht vorgefühlt haben, welche Strafmilderung ein Geständnis brächte.

ROTTWEIL (sz) An den letzten beiden Prozesstagen hatte sich die Lage für die Angeklagte dramatisch verschlechtert. Zuerst ließ der medizinische Gutachter, Prof. Joachim Nadstawek von der Universität Bonn, keinen Zweifel daran, dass mehreren Patienten das lebensbedrohende Medikament Succinyl ohne ärztliche Anordnung verabreicht worden war.

Danach widerlegte der toxikologische Gutachter, Professor Frank Mußhoff, die Theorie der Verteidiger, dass Blut- und Urin-Proben des Patienten E. D. manipuliert worden sein könnten. Und schließlich lehnte das Gericht einen Befangenheitsantrag der Verteidiger gegen Professor Mußhoff als "unbegründet" ab.

Komplizierte Detailfragen

Anwalt Nikolaus Koehler reagierte gestern mit vier Beweisanträgen, die seine Mandantin entlasten sollen. Es geht dabei um komplizierte medizinische Detailfragen, um die nochmalige Anhörung von Zeugen und weiterer medizinisch-technischer Gutachter sowie um das Überwachungssystem auf der Tuttlinger Intensivstation. Eigentlich hatten sich die Prozess-Beteiligten darauf verständigt, an diesem Tag alle Beweisanträge vorzulegen, doch dann kündigte Koehler weitere an. Sein Kollege sei deswegen gerade noch dabei, schwierige medizinische Fachfragen abzuklären.

Strafmilderung signalisiert

Da sah Herbert Stahl, der Vorsitzende Richter, den Zeitpunkt für eine brisante Mitteilung gekommen: Im Laufe des vergangenen Prozesstages seien die Verteidiger gekommen und hätten ein eventuelles Geständnis ins Spiel gebracht. Darüber habe das Gericht mit den beiden Anwälten in der Bibliothek dann ein Gespräch geführt und eine Strafmilderung signalisiert. Beide Seiten seien übereingekommen, diese Lösung bis zum gestrigen Verhandlungstag noch einmal zu überprüfen.

Verteidiger Koehler erklärte daraufhin, er halte die Angeklagte für unschuldig, zumal sie keinerlei Motiv habe. Richter Stahl habe in dem betreffenden Gespräch gesagt: "Wir müssen ein Urteil finden, mit dem wir leben können." Das höre sich an, als wolle man eine Schuldige finden, nur damit um das Tuttlinger Krankenhaus wieder Ruhe einkehre. Dagegen verwehrte sich Stahl. Er habe nur sein richterliches Leitmotiv wiederholt, das er auch jedem jungen Juristen mit auf den Weg mitgebe: "Wir müssen bedenken, dass jeder von uns ein Leben lang mit seiner Entscheidung leben muss."

Der Vorsitzende Richter wies darauf hin, dass es in seiner Praxis in etwa fünf Prozent der Fälle eine Absprache hinsichtlich des Urteils gegeben habe, allerdings nie ohne vorherige Beweisaufnahme. Und er machte ein Angebot: Auch in diesem Prozess wäre das Gericht bereit, einem Geständnis "eine entsprechende Bedeutung zukommen zu lassen". Stahl unterstrich seine Absicht, den Prozess weiterhin zügig zu führen und berichtete dem Staatsanwalt nebenbei, die Revision im Fall einer rumänischen Bande sei abgewiesen worden. Ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Verteidiger, dass dieses Gericht auch in diesem Prozess keinen Anlass für eine Revision geben will.

Urteil wohl am 9. Dezember

Vielleicht auch deshalb nahm die Schwurgerichtskammer die gestern gestellten Beweisanträge teilweise an, teilweise stellte sie eine Entscheidung zurück. So sollen am morgigen Donnerstag ab 9 Uhr weitere Zeugen und Sachverständige gehört werden. Danach haben die Prozessbeteiligten, allen voran die Verteidiger, nochmals Gelegenheit, Fragen an den Mann zu stellen, von dem in diesem Prozess viel abhängt: Professor Joachim Nadstawek.

Das Urteil soll nach jetzigem Stand am 9. Dezember verkündet werden. Anwalt Nikolaus Koehler erklärte gestern die Einstellung seiner Mandantin so: "Lieber unschuldig im Gefängnis als schuldig in Freiheit."

(Erschienen: 26.11.2008) Schwäbische Zeitung Online

 

Krankenschwester-Prozess: Verteidiger starten Großangriff auf Gutachter

Das Urteil des Landgerichts Rottweil gegen eine frühere Krankenschwester der Kreisklinik Tuttlingen wird sich weiter verzögern. Das ist jetzt klar geworden. Die Verteidiger haben dabei den medizinischen Gutachter massiv in Frage gestellt und weitere Anträge angekündigt, die sich vor allem gegen ihn richten dürften.

ROTTWEIL (här) Anwalt Nikolaus Koehler-Freese ist ein Mann großer Worte und großer Gesten. Das haben in diesem Prozess schon das Gericht, der Staatsanwalt und auch diverse Zeugen zu spüren bekommen. Zu Beginn des 15. Verhandlungstages stand Nikolaus Koehler-Freese auf, hielt den Bericht dieser Zeitung vom Mittwoch (Überschrift: "Verteidiger erwägen ein Geständnis") hoch und rief empört in den Gerichtssaal: "Das ist eine glatte Lüge." Dann zerriss er die Kopie demonstrativ und warf sie weg. Der Autor müsse wohl an Schwerhörigkeit leiden, fügte der Anwalt noch hinzu. Allerdings: Was da in der Zeitung stand, hatten auch Dr. Albrecht Foth, der Leitende Oberstaatsanwalt, und andere Prozessbeobachter, die dabei waren und sich Notizen machten, "voll inhaltlich" so verstanden.

Im Mittelpunkt des gestrigen Tages stand aber nicht Nikolaus Koehler-Freese, sondern dessen Kollege Christian Bärnreuther. Der zog alle Register, um das medizinische Gutachten des Sachverständigen Prof. Joachim Nad-stawek zu erschüttern. Dem Experten von der Universität Bonn kommt eine zentrale Bedeutung im Prozess zu. Er hatte die Angeklagte schwer belastet. Sein Fazit: Die Serie lebensgefährlicher Herzstillstände in der Kreisklinik Tuttlingen sei nur damit zu erklären, dass jemand ohne ärztliche Anordnung das Medikament Succinyl verabreicht haben müsse.

Einen anschließenden Befangenheitsantrag der Verteidiger gegen Prof. Nadstawek lehnte das Gericht ab. In der Zwischenzeit hatte sich Anwalt Bärnreuther intensivst mit dem 75-seitigen Gutachten befasst, wie sich gestern zeigte. Nach einer Stunde Befragung zollte ihm sogar Herbert Stahl, der Vorsitzende Richter, ein Kompliment: "Ich bin sehr angetan von Ihren Fragen", sagte er, "weil sehr viel Arbeit und Fachwissen dahinter stecken."

Staatsanwalt verliert Geduld

Nach fast zwei Stunden war es mit der Geduld von Oberstaatsanwalt Foth, der im bisherigen Verlauf betont gelassen wirkte, vorbei. "Es kann nicht sein", klagte er, "dass Sie mit der Klärung von medizinischen Grundbegriffen anderer Leute Zeit stehlen." Doch Bärnreuther ließ sich nicht beirren. Er zeigte sich außerordentlich gut vorbereitet und stellte fast jedes Wort des 75-seitigen Gutachtens kritisch in Frage.

Seine Vorstöße hatten im Grund alle das gleiche Ziel: Er will nachweisen, dass auch Medikamente, die regulär in der Tuttlinger Kreisklinik verabreicht wurden, für die Atemstillstände verantwortlich sein können.

Dazu stieg Bärnreuther ganz tief in die medizinische Materie ein, scheute weder komplizierte Sachverhalte noch Fachbegriffe oder nie gehörte Fremdworte, brachte neue Thesen und Theorien ins Spiel und vertrat sie offensiv.

Prof. Nadstawek verteidigte sein Gutachten, blieb trotz immer neuer Fragen äußerlich gelassen, geriet allerdings öfter in die Defensive, als ihm lieb war, und musste auch die eine oder andere Aussage korrigieren.

Zwischendurch wurde auch Oberarzt Dr. Adolf Novotny, der als Prozessbeobachter zugegen war, zweimal in den Zeugenstand gerufen, um Details zu klären. Nach drei Stunden, die einem wissenschaftlichen Seminar glichen, war es auch Richter Stahl zu viel. "Wir können nicht endlos weiterverhandeln und das Verfahren in die Länge ziehen. Wir müssen auch an die Verfahrenskosten denken", mahnte er. Da gehen Experten bisher von mindestens 40 000 Euro aus. Die Gewerkschaft Ver.di hatte der Angeklagten bereits vor Prozessbeginn Rechtsschutz gewährt.

Befragung dauert vier Stunden

Insgesamt befragte Bärnreuther den Gutachter gestern vier Stunden. Eine weitere Stunde dauerte die Einvernahme von Zeugen, die auf Antrag der Verteidiger herbeizitiert worden waren.

Die Befragung von Prof. Nadstawek konnte gestern nicht abgeschlossen werden. Deshalb muss sie am 2. Dezember – für diesen Tag waren eigentlich die Plädoyers vorgesehen – fortgesetzt werden.

Befragung dauert vier Stunden

Insgesamt befragte Bärnreuther den Gutachter gestern vier Stunden. Eine weitere Stunde dauerte die Einvernahme von Zeugen, die auf Antrag der Verteidiger herbeizitiert worden waren.

(Erschienen: 28.11.2008) Schwäbische Zeitung Online

 

Medizinischer Gutachter belastet Krankenschwester

Im Prozess gegen eine frühere Krankenschwester der Tuttlinger Kreisklinik hat am Montag der Medizinische Gutachter, Prof.Joachim Nadstawek, die Anklage der Staatsanwaltschaft gestützt. Damit ist auch Oberarzt Dr. Adolf Novotny bestätigt, der den Fall ins Rollen gebracht hatte.

ROTTWEIL/TUTTLINGEN (här) Es geht, wie berichtet, um den Nachweis, dass mehreren Patienten ohne ärztliche Anordnung das lebensbedrohende Medikament Succinyl verabreicht wurde. Oberstaatsanwalt Dr. Albrecht hält eine heute 45-jährige frühere Krankenschwester für die Täterin. Er hat insgesamt sechs Fälle angeklagt:

Ein Landwirt lag im März 2005 auf der Intensivstation, weil er in ein Gülle-Silo gefallen war und größere Mengen Jauche geschluckt hatte. Nach etwa zehn Tagen hatte er sich vom Schlimmsten erholt, erlitt dann aber plötzlichen einen Atemstillstand. Die jetzige Angeklagte löste Alarm aus, so dass der Mann gerettet werden konnte. "Die einzige Erklärung" für die Notsituation, erklärte Prof. Nadstawek von der Universität Bonn gestern in seinem Gutachten, sei die Verabreichung von Succinyl.

Ein damals 70-jähriger Patient litt zwar etwa zur gleichen Zeit an einer schweren Infektion, aber der plötzliche Atemstillstand habe überhaupt nicht zum Krankheitsbild gepasst, sagte Prof. Nadstawek. Er sei nur durch die Gabe von Succinyl oder eines anderen Muskel lähmenden Mittels erklärbar. Das ist der einzige Fall in dem die angeklagte Krankenschwester nicht selbst Alarm schlug. Ein Pfleger sah sie aber aus dem Zimmer kommen, weshalb hier die Anklage auf versuchten Mord lautet.

Im Fall eines Patienten, der ebenfalls fast an einem unerklärlichen Atemstillstand gestorben wäre, bekräftigte die Ehefrau gestern die Aussagen ihrer beiden Söhne (wir berichteten). Demnach hätten die Ärzte völlig auffällig verunsichert erklärt, der Mann habe sich erbrochen und sei daran fast erstickt. Diese Version zweifelt der Sachverständige in seinem umfangreichen Gutachten an: Der Atemstillstand sei so nicht nachvollziehbar und nur mit einem Muskel lähmenden Mittel zu erklären. Die Ehefrau bekräftigte gestern, ein Arzt habe ihr gesagt, wenn ihr Mann nochmals einen derartigen Atemstillstand erleide, lasse man ihn sterben.

Nicht eindeutig sind nach Aussagen von Prof. Nadstawek die vier Atemstillstände eines damals 70-jährigen Mannes. Aber auch hier gebe es Auffälligkeiten und Ungereimtheiten.

Ähnlich verhält es sich mit einer Frau, die damals ebenfalls schwer krank auf der Intensivstation lag.

Im Mittelpunkt steht nach wie vor der Patient E. D., dem als einzigem Blut- und Urinproben entnommen worden waren. Die Verteidiger hatten zuletzt mit wachsendem Erfolg versucht, alle bisher feststehenden Fakten in Frage zu stellen.

Gestern sah es lange nach einem weiteren Etappensieg aus, zumal Dr. Ralph-Michael Schulte, der Neurologische Gutachter, sich nicht festlegen wollte: Er halte die Version der Anwälte für "sehr unwahrscheinlich", dass der Atemstillstand beim damals 78-jährigen Mann durch einen Gehirninfarkt entstanden sein könnte, aber ganz ausschließen wolle er das nicht. Klarer war die Expertise von Prof. Nadsatawek: Es gebe "keine andere medizinische Erklärung", betonte er, als die Verabreichung von Succinyl.

Der Prozess gegen die Krankenschwester wird am Dienstag, 11. November, um 9 Uhr fortgesetzt.

Medizinischer Gutachter belastet Krankenschwester

(Erschienen: 10.11.2008) Schwäbische Zeitung Online

Staatsanwalt will im Prozess gegen Krankenschwester Beweise retten

Nach elf von 16 Verhandlungstagen vor dem Landgericht Rottweil hat sich die Ausgangslage gegen eine frühere Krankenschwester der Tuttlinger Kreisklinik zwar verbessert. Aber Oberstaatsanwalt Dr. Albrecht Foth hat gestern eine Initiative gestartet, um dem einzigen Beweismittel doch noch Geltung zu verschaffen.

ROTTWEIL Die 1. Schwurgerichtskammer hat bisher rund 70 Stunden getagt und fast 60 Zeugen sowie vier Sachverständige angehört. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Faktenlage in sechs von sieben Anklagepunkten problematisch ist, nicht zuletzt in dem Fall, in dem es um versuchten Mord geht. Das Geschehen vor Gericht konzentriert sich fast nur noch auf den Patienten E. D., von dem es die einzig verwertbaren Beweise, nämlich Blut- und Urinproben, gab. Die Verteidiger vertreten allerdings die Ansicht, dass damit derart unsachgemäß umgegangen sei und die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation bestehe. Das kann nicht mehr belegt werden, weil die Proben, wie berichtet, vernichtet worden sind. Jetzt will Oberstaatsanwalt Dr. Foth, wie er gestern darlegte, wissenschaftlich nachweisen, dass es unter den gegebenen Umständen gar nicht möglich gewesen wäre, die Proben zu vertauschen. Dazu sollen in den nächsten Verhandlungstagen alle Krankenakten jener Patienten überprüft werden, die zur damaligen Zeit auf der Intensivstation lagen.

Ungeklärt ist auch, wer dem Patienten E. D. das lebensgefährliche Mittel Succynil gespritzt hat. Augenzeugen gibt es keine und der Betroffene, der heute 81-jährige und gebrechliche Mann, hat unterschiedliche Angaben gemacht. Am deutlichsten soll er sich noch bei der Visite am darauffolgenden Tag ausgedrückt haben: "Diese Frau hat mir etwas in die Vene gespritzt." Gestern hat das Gericht versucht, diese Aussage zu erhärten. Doch alle Befragungen von Ärzten scheiterten. Nach dreieinhalb Jahren könnten sie sich nicht erinnern, sagten sie.

Das Gericht hatte verschiedene Ärzte und Pfleger bereits zum zweiten Mal vorgeladen, aber entscheidende Indizien konnten sie auch dieses Mal nicht liefern. Allerdings wird zunehmend deutlich, dass vermeintliche Kleinigkeiten den Ausschlag geben könnten. Und so werden nicht nur immer mehr Akten gewälzt, sondern auch medizinische und wissenschaftliche Fachfragen bis ins Detail erörtert.

Zum zweiten Mal war gestern auch Lothar Klaiber, der Pflegeleiter der Intensivstation, geladen. Er musste Auskunft geben über den Umgang mit Medikamenten auf der Station. Klaiber nutzte diese Gelegenheit, um für die Zeugenaussagen seiner Mitarbeiter um Verständnis zu werben. Sie seien erst acht Monate nach der Aufdeckung offiziell über den Fall informiert worden. "Jetzt, nach so langer Zeit, sind sie darauf angewiesen, was noch im Gedächtnis ist", gab der Stationsleiter zu bedenken.

Aggressiver Verteidiger

Klaiber verteidigte auch die von Anwalt Koehler beanstandete Besuchsregelung auf der Intensivstation ohne Ausweiskontrolle. Das werde ja nicht einmal bei Zeugen vor Gericht praktiziert. Nicht nur gegenüber Klaiber fiel Koehler durch provokatives und aggressives Verhalten auf. Schon zuvor hatte er sich mit Herbert Stahl, dem Vorsitzenden Richter, lautstark gestritten.

Der Prozess wird am Montag, 10. November, fortgesetzt. Dann soll Prof. Joachim Nadstawek von der Universität Bonn, der Klinische Sachverständige, sein mit Spannung erwartetes Gutachten abgeben. Es könnte zu neuen Erkenntnissen führen.

Staatsanwalt will im Prozess gegen Krankenschwester Beweise retten

(Erschienen: 29.10.2008) Schwäbische Zeitung Online

Krankenschwester-Prozess: Einziger Beweis vernichtet

Der einzige verwertbare Beweis im Prozess gegen eine Krankenschwester der Tuttlinger Klinik ist vernichtet worden. Das ist am gestrigen Spätnachmittag bekannt geworden - ein womöglich folgenschwerer Umstand. Der Psychiatrische Gutachter bescheinigte der Angeklagten ein "absolut unauffälliges Profil".

ROTTWEIL Der renommierte Gerichtsmediziner Dr. Ralph-Michael Schulte hatte die 45-jährige Frau zweimal vier Stunden untersucht, zunächst im März 2006 und zuletzt vor wenigen Tagen. Sein Befund ist eindeutig: Es liege keinerlei Persönlichkeitsstörung und damit auch keine verminderte Schuldfähigkeit vor. Bei der Angeklagten handle es sich um eine "stabile und selbstbewusste Persönlichkeit". Grundsätzlich attestierte ihr der Sachverständige eine günstige Prognose, wobei allerdings dem Urteil entscheidende Bedeutung zukomme. Selbst wenn sie die Taten begangen habe, gebe es keine Rückfallgefahr, sagte Dr. Schulte, fügte allerdings hinzu: "Ganz ausschließen lässt sich das nicht." Als einzige Erklärung für die zur Debatte stehenden Taten sieht er "gewisse narzisstische Charakterzüge". Das heißt, dass die Frau aus einer Selbstverliebtheit heraus und um sich aufzuwerten, gehandelt haben könnte. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang auch, dass sie die Anerkennung der Vorgesetzten gewinnen wollte.

Herbert Stahl, der Vorsitzende Richter, machte deutlich, dass im Falle einer Verurteilung auch ein Berufsverbot von eins bis fünf Jahren, im Extremfall sogar lebenslang in Frage kommen könnte. Dabei wurde bekannt, dass der bisherige Arbeitgeber in einem Nachbarkreis durch den jetzigen Prozess von den Vorwürfen erfahren und deshalb die Kündigung ausgesprochen hat.

Die größte Überraschung gab es am späten Nachmittag des gestrigen zehnten Verhandlungstages: Es wurde bekannt, dass die Urin- und Blutproben des Patienten E. D. in der Rechtsmedizin der Universität Bonn vernichtet worden sind. Das waren die einzigen verwertbaren Beweise in dem Verfahren. Unklar ist, wer dafür die Verantwortung trägt. Prof. Frank Mußhoff, der Toxilogische Sachverständige der Uni Bonn, erklärte, in Baden-Württemberg würden solche Proben nur ein Jahr aufgehoben, in Nordrhein-Westfalen sogar zwei - sofern keine zwingenden Gründen für eine Verlängerung vorlägen.

Proben sind verschwunden

Er, so Mußhoff, habe erst im September 2007 erfahren, dass in dieser Sache noch ein Verfahren laufe. Die Frage von Verteidiger Nikolaus Koehler, warum die Staatsanwaltschaft keine Verlängerung beantragt hatte, blieb unbeantwortet, so dass Koehler unwidersprochen sagen durfte: "Weil es der Staatsanwaltschaft egal war." Die beiden Verteidiger hatten beantragt, dass die Blut- und Urinproben nochmals zu untersuchen, um nachzuweisen, dass sie manipuliert worden waren. So kam heraus, dass sie verschwunden sind.

Prof. Mußhoff machte in seinem Gutachten klar, dass in den Proben das Mittel Succinyl gefunden worden sei, das zum lebensbedrohenden Atemstillstand führt. So gut wie alle Hinweise sprächen dafür, dass die Proben vom Patienten E. D. stammten. Allerdings bestätigte der Gutachter auf Fragen der Verteidiger, dass es keine lückenlose Überwachung der Proben gegeben habe und dass man eine Manipulation "prinzipiell nicht ausschließen kann".

Wie zäh die Suche des Gerichts nach der Wahrheit verläuft, machte gestern auch die Vernehmungen von weiteren Schwestern und Pflegern der Intensivstation deutlich. Am Schluss blieben viele Ungereimtheiten, offene Fragen und Widersprüche, so dass der Klinische Sachverständige, Dr. Joachim Nadstawek, feststellte: "Es scheint ein Problem der Intensivstation zu sein, dass man sich nicht an Ereignisse und Namen erinnert."

(Erschienen: 28.10.2008) Schwäbische Zeitung Online

 

Krankenschwester-Prozess: „Als Opfer dargestellt

22-10-2008 suedkurier.de

Prozess gegen Krankenschwester: Weitere Zeugenaussagen

Sechs Krankenschwestern und ein Kripobeamter sagten heute in dem Prozess gegen eine 45-jährige Krankenschwester aus. Die Schwurgerichtskammer interessierte sich besonders dafür, wie die Beschuldigte damals mit den schweren Vorwürfen umgegangen ist. Denn die Frau muss sich wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Rottweil verantworten, weil sie bei insgesamt sieben Patienten in der Kreisklinik Tuttlingen bewusst ein Muskel lähmendes Medikament verabreicht haben soll, so die Anklage.

„Wir haben das Thema überhaupt nicht aufgegriffen“, erinnerte sich eine Zeugin an einen Abend, den man im Kreis einiger Kolleginnen beim Abendessen in Überlingen verbracht hatte. Die Suspendierung hatte da schon einige Zeit gedauert. Bei ihrer früheren Aussage bei der Polizei hatte die Zeugin angegeben, dass die Angeklagte in der Klinik „damals mehr oder weniger als Opfer dargestellt wurde“, wie der Verteidiger aus den Akten zitierte. „Wie ein Bauernopfer?“ hakte er gestern nach.

Eine 39-jährige Kollegin hatte die Angeklagte drei oder vier Wochen nach dem abrupten Ende deren Mitarbeit (es ging das Gerücht einer Krankheit um) zuhause besucht. „Sie war ein bisschen aufgeregt und hat mir gesagt, dass sie unter Verdacht stehe, jemanden umgebracht zu haben. Und dass sie mir das eigentlich gar nicht sagen dürfe“. Entrüstet und gleichzeitig verzweifelt sei die Kollegin damals gewesen. Der Vorsitzende Richter Herbert Stahl bemerkte, dass die „Briefpost“, mit der die Angeklagte mit ihrem Verteidiger kommuniziert, „doch etwas umständlich“ sei. Denn die 45-Jährige schwieg auch am neunten Verhandlungstag. Da noch mehrere zusätzliche Zeugen benötigt werden, kann vermutlich erst am 25. November plädiert werden. Das Urteil fällt dann voraussichtlich am 9. Dezember.

Der Prozess wird am kommenden Montag um 9 Uhr fortgeführt

Succinyl: "Das ideale Mordinstrument"

ROTTWEIL/TUTTLINGEN (här) Die 45-jährige Krankenschwester, die vor dem Rottweiler Landgericht angeklagt ist, soll sechs Patienten ohne jegliche medizinische Veranlassung ein Medikament namens Succinyl gespritzt haben. Es wird üblicherweise auf Intensivstationen verabreicht und verursacht eine "Wachlähmung", wie es in Fachkreisen heißt.

Das Mittel wirkt innerhalb einer Minute und lässt die Muskeln erschlaffen. Diese Wirkung wird üblicherweise genutzt, um einen Sauerstoffschlauch in die Atemwege von Patienten einzuführen. Wird jedoch innerhalb der folgenden drei oder vier Minuten nicht beatmet, kann der Patient ersticken, weil auch die Atemmuskulatur erschlafft.

"Succinyl ist das ideale Mordinstrument", sagte Oberarzt Dr. Adolf Nowotny gestern. Wie die Auswirkung auf die sechs angeklagten Fälle in Tuttlingen war, ist bisher ungeklärt.

Schwäbische Zeitung Online

"Krankenschwester war sehr engagiert"

Rottweil/Tuttlingen - Sie wird als in bestem Sinne »neugierig« beschrieben, bereit, neues Wissen praktisch umzusetzen. Auch ihr Umgang mit den ihr anvertrauten Patienten an der Tuttlinger Kreisklinik wird positiv geschildert. Im Prozess wegen versuchten Mordes und mehrfacher gefährlicher Körperverletzung gegen eine heute 45-jährige Intensiv-Schwester gibt es freilich auch andere Töne.

Oberarzt lenkte den Verdacht auf die angeklagte Krankenschwester

Sie kommen von dem Oberarzt, der im Frühjahr 2005 den Impuls zu den Untersuchungen gab, die nach langen Ermittlungen zu dem Verfahren führten, das seit Montag vor der Schwurgerichtskammer am Rottweiler Landgericht läuft. Der Mann, intern als »gewissenhafter, kompetenter, mir sehr wertvoller Kollege« bezeichnet, der »immer außergewöhnlichen Einsatz« für die Patienten gezeigt habe, beschrieben, hat den Verdacht auf die Schwester gelenkt.

Sie soll in sieben Fällen ein Medikament mit lähmender Wirkung verabreicht haben, um sich bei der notwendigerweise unmittelbar anschließenden Rettung besonders hervor zu tun, so der Vorwurf. Das passt zu der Schilderung des Oberarztes, der neben dem Engagement auch Geltungsbedürfnis schilderte.

Nur eine Medikamentengabe erklärt rätselhaften Befund

Dass es tatsächlich zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, ergibt sich aus der Aussage einer Ärztin: Anders als durch die Gabe eines solchen – nicht verordneten – Medikaments ist der rätselhafte Befund eines Atemstillstands bei sonst intakten Vitalfunktionen und erstaunlich rascher Erholung kaum zu erklären.

Von Bodo Schnekenburger 09-10-2008 schwarzwaelderbode.de

Eine Krankenschwester gerät ins Zwielicht

Seit Montag muss sich eine ehemalige Krankenschwester des Klinikums Tuttlingen wegen Mordversuchs und Körperverletzung in sechs Fällen vor dem Landgericht Rottweil verantworten. Die heute 45-jährige Frau soll Patienten mutwillig und willkürlich ein Medikament verabreicht haben, das zum akuten Erstickungstod führen kann.

ROTTWEIL/TUTTLINGEN (här) Als der Patient E. D. am 18. April 2005 gegen 12.45 Uhr auf die Intensivstation der Kreisklinik Tuttlingen gebracht wird, geschieht das aus reiner Platznot. Der Rentner hat sich wegen Herzrhythmus-Störungen vorsichtshalber ins Krankenhaus begeben. Im Kopf ist er klar. "Plötzlich", schildert er vor Gericht, "bekam ich keine Luft mehr, konnte die Arme nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen, mein Kopf schwoll an, aber gehört habe ich alles. Ich dachte: Jetzt musst Du hier sterben." Der gebrechliche, jetzt 81-jährige Mann weiß bis heute nicht, wie ihm damals geschehen ist. Er habe nicht bemerkt, sagt er im Zeugenstand, dass ihm ein Medikament verabreicht oder eine Spritze gesetzt worden sei. Und er kann auch nicht sagen, ob es sich bei der Frau im Zeugenstand um jene Krankenschwester handelt, die kurz vor dem Schwächeanfall an seinem Bett stand.

Ankläger: Anerkennung gesucht

Für Dr. Albrecht Foth, den Leitenden Oberstaatsanwalt ist die Sache klar. Die Angeklagte, erklärt er, habe dem Mann ohne ärztliche Verordnung oder medizinische Notwendigkeit eine Muskel lähmende Substanz zugeführt und dann in letzter Sekunde den Alarmknopf gedrückt, so dass der Mann "ins Leben zurückgeholt werden konnte". Auch die Motive glaubt der Oberstaatsanwalt zu kennen: "Sie hat solche Situationen bewusst herbeigeführt, weil sie ihr Gelegenheit gaben, im Vordergrund zu stehen. So konnte sie ihre fachliche und persönliche Coolness demonstrieren und die Anerkennung genießen, den Patienten gerettet zu haben."

Fünf weitere Fälle ähnlicher Art enthält die Anklageschrift. Und stets habe die Krankenschwester gewusst, so heißt es darin, dass ihre Alarmsignale vom Zufall abhingen, ob der Patient gerettet werden kann oder den Erstickungstod stirbt. Einmal sei der Alarm von einem misstrauisch gewordenen Pfleger ausgelöst werden, sonst wäre das Schlimmste passiert. Deshalb ist die ledige Frau auch wegen versuchten Mordes angeklagt.

Am ersten Verhandlungstag wird deutlich, dass die Beweislage nicht einfach ist. Die Gewerkschaft Verdi glaubt an die Unschuld der Frau und hat ihr deshalb vollen Rechtsschutz zugesichert. Ein Übriges tut der Verteidiger, ein Anwalt aus München, der schon Prominente wie den Boxer René Weller oder den Schauspieler Günther Kaufmann vertreten hat. In Rottweil fordert er gleich zu Beginn die Absetzung des Oberstaatsanwalts, gegen den er in der Vergangenheit schon dreimal mit Dienstaufsichtsbeschwerden gescheitert ist. Das Schwurgericht lehnt auch diesen Antrag ab, aber der Verteidiger lässt keinen Zweifel, dass er die persönliche Auseinadersetzung fortsetzen wird. Der Presse – in einem Boulevardblatt war vom "Todesengel von Tuttlingen" die Rede – wirft er eine "Hexenjagd" auf seine Mandantin vor, der in ihrer Berufsausübung "bisher kein Fehler unterlaufen" sei. Die 45-Jährige, eine gepflegte Erscheinung mit dunklem Kostüm, gesunder Gesichtsbräune und rot-braun gefärbten Haaren, nimmt die siebenseitige Anklageschrift aufmerksam und äußerlich gelassen zur Kenntnis. Ihr Leben ist lange Zeit von Wechseln geprägt gewesen: Nach dem frühen Tod ihres Vaters zieht sie mit der Mutter vom Allgäu in den Kreis Tuttlingen. Ihre Ausbildung und Karriere als Krankenschwester führte sie von Wangen nach Engen und Pfullendorf. Zwischendurch geht sie mit ihrem Freund, von dem sie eine heute 20-jährige Tochter hat, nach Bayern, verlässt ihn aber und kommt zurück in den Kreis Tuttlingen, wo sie seit 1991 im Krankenhaus tätig ist.

10 000 Euro Abfindung

Ende Februar 2006 erhält sie wegen der jetzt angeklagten Vorwürfe die Kündigung. Dabei bleibt es auch nach einem Prozess, der bis vor das Bundesarbeitsgericht in Erfurt geht. Als Zugeständnis erhält sie eine Abfindung von 10 000 Euro. Inzwischen arbeitet sie wieder in ihrem Beruf.

Vor dem Rottweiler Schwurgericht lässt die Frau ihre beiden Anwälte sprechen. "Unsere Mandantin äußert sich nicht", erklären sie. Und: "Unsere Mandantin ist unschuldig." Die Frage des Gerichts, ob die Angeklagte, das selber bestätigen wolle, verwerfen die Verteidiger.

Am Schluss des ersten Verhandlungstags berichtet der Richter von einer polizeilichen Vernehmung. Da habe die Krankenschwester bestätigt, sie sei damals beim Schwächeanfall des Rentners E. D. dabei gewesen.

(Erschienen: 07.10.2008) Schwäbische Zeitung Online

Krankenschwester muss auf die Anklagebank

Der mit Spannung erwartete Prozess gegen eine ehemalige Krankenschwester des Klinikums Tuttlingen beginnt am Montag um 9 Uhr vor dem Landgericht Rottweil und dauert voraussichtlich bis Ende November. Die jetzt 46-jährige Frau muss sich unter anderem wegen versuchten Mordes verantworten.

ROTTWEIL/TUTTLINGEN (här) Insgesamt sollen vor der 1. Schwurgerichtskammer 55 Zeugen und fünf Sachverständige Licht in das Dunkel bringen. Drei betroffene Patienten treten als Nebenkläger auf.

Die Angeklagte hat den Münchner Rechtsanwalt Nikolaus H. R. Koehler und dessen Vertreter Christian Bärnreuther mit ihrer Verteidigung beauftragt. Der 67-Jährige Koehler vertrat unter anderem schon Prominente wie den Boxer René Weller und den Schauspieler Günther Kaufmann. Am Landgericht Rottweil ist Koehler bekannt geworden, weil er gegen Dr. Albrecht Foth, den Leitenden Oberstaatsanwalt, bereits drei Dienstaufsichtsbeschwerde erhoben hat, die allerdings alle abgelehnt wurden. Eine steht auch im Zusammenhang mit dem aktuellen Fall.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Krankenschwester versuchten Mord in einem Fall und sechsfache versuchte Körperverletzung vor. Laut Anklage soll sie in sieben Fällen ohne ärztliche Verordnung ein Muskel lähmendes Medikament gespritzt haben, das zum Tod führen kann. "Die Betroffenen drohten bei lebendigem Leib qualvoll zu ersticken", so Dr. Foth.

Trotz der umfangreichen Ermittlungen bleibt das Motiv bisher im Dunkeln. "Die Krankenschwester hat sich nur kurz und oberflächlich geäußert", berichtet Foth. "Aber vielleicht steckt das gleiche Prinzip dahinter wie bei dem Feuerwehrmann, der ein Haus anzündet und sich dann an den Löscharbeiten beteiligt."

Verdi von Unschuld überzeugt

In sechs Fällen soll die Frau zwar das Medikament verabreicht, dann aber selbst die Rettung herbeigeführt haben. Einmal habe ein Überwachungsgerät Alarm geschlagen, heißt es in der Anklage weiter, so dass ein Pfleger den Patienten retten konnte. Wegen der Vorwürfe war die Beschuldigte im Januar 2006 in Untersuchungshaft genommen worden, kam danach aber wieder frei. Sie bestreitet die Vorwürfe.

Verteidiger Koehler ist sich sicher: "Meine Mandantin ist unschuldig, am Ende wird ein glasklarer Freispruch herauskommen." Das zeige sich auch daran, dass sich die Gewerkschaft Verdi bereit erklärt habe, die Gerichtskosten zu übernehmen. Das bestätigte Gewerkschaftssekretär Felix Lenhardt (Villingen-Schwenningen) auf Anfrage: Ein solcher Rechtsschutz sei unüblich, "wir haben uns aber dazu entschlossen, weil wir von der Unschuld der Kollegin überzeugt sind".

Die Krankenschwester wurde nach Bekanntwerden der Vorwürfe in Tuttlingen entlassen, inzwischen ist sie andernorts wieder in ihrem Beruf tätig.



(Erschienen: 05.10.2008) Schwäbische Zeitung Online