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De dood als machtsmiddel Het vervolg 6

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2003 bis 2005: Eine Altenpflegerin tötet in Wachtberg bei Bonn neun Frauen. In den meisten Fällen erstickt sie die teils weit über 80- Jährigen mit Kissen. Die Täterin wird 2006 zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

JUSTIZ

Kollekte für den Todesengel

Ein Dorf in Franken kämpft für eine wegen Mordversuchs verurteilte Krankenschwester

Von Manfred Frey

Archiv
Aus FOCUS Nr. 21 (1997) nr 21 Deutschland

Hermann Bauer, Bürgermeister der 1400-Seelen-Gemeinde Markt Berolzheim in Mittelfranken, gerät ins Schwärmen: „Die Marianne ist etwas Besonderes. Die ganze Familie ist so positiv. Immer sehr hilfsbereit, voller Zuversicht, Wärme und Treue. Alle guten Eigenschaften vereinigen sich auf diese Familie. Nein“, sagt Bauer mit fester Stimme, „es ist undenkbar, daß diese Frau etwas getan hätte, was das Leben eines Menschen verkürzt.“

Im Landgericht Ansbach ist man anderer Meinung: Vorvergangene Woche verurteilte die Erste große Strafkammer Marianne R., 42, wegen versuchten Mordes zu einer fünfjährigen Haftstrafe. Die Krankenschwester wollte sich nach Auffassung des Gerichts im Juni 1994 einer 85jährigen Krebspatientin im Treuchtlinger Krankenhaus mittels Giftspritze entledigen: Zwar starb die alte Frau, kurz nachdem ihr Schwester Marianne eigenmächtig eine hohe Dosis eines Schlafmittels verabreicht hatte.

Doch die Obduzenten in der Rechtsmedizin konnten – nachdem der Fall erst verspätet angezeigt und die Leiche exhumiert worden war – nicht mehr klären, ob das Medikament tatsächlich zum Tod der Schwerstkranken geführt hatte. So blieb es für Richter Gottfried Held lediglich beim strafmildernden Mordversuch. Was für Marianne R. wenig tröstlich ist.

Die Mutter dreier Kinder – von einigen Medien „der Todesengel“ genannt – beteuert ihre Unschuld und möchte diese nun in einem Revisionsverfahren beweisen. Bis der Bundesgerichtshof jedoch über einen entsprechenden Antrag ihres Anwalts Sven Oberhof entscheidet, können Monate vergehen, die Marianne R. nach Willen des Richters wegen Fluchtgefahr in Haft verbringen soll.

Fassungslosigkeit daheim in Berolzheim. „Als ich nach dem Urteil mit dem Wagen ins Dorf einfuhr, strömten die Menschen auf mich zu“, erzählt der Bürgermeister. „Sie hielten mich an und sagten, wir müßten jetzt etwas unternehmen. So kam es zu unserer Spendenhilfe“ – einer in der deutschen Rechtsgeschichte bislang wohl einmaligen Aktion: Innerhalb weniger Tage sammelten die Bürger in der Gemeinde mehr als eine Million Mark. Das Geld bieten sie dem Gericht als Kaution an. Etwa 500 Männer und Frauen verbürgten sich per Unterschrift für die verurteilte Krankenschwester. Sogar der Pfarrer setzte sich auf die Liste, und der Gemeinderat faßte einmütig den Beschluß, die Rücklagen der Gemeinde in Höhe von 180 000 Mark zu opfern.

Letzteres rief allerdings das übergeordnete Landratsamt auf den Plan: Die Bereitstellung öffentlicher Mittel für solche Zwecke sei rechtswidrig, ließ es den Bürgermeister sogleich wissen. Der Beschluß sei aufzuheben. „Das war uns doch klar, daß das illegal war“, verteidigt sich Bauer. „Aber wir wollten ein Zeichen setzen.“

Diese Zeichen kommen andernorts nicht sonderlich gut an. Ernst Drießlein, der 57jährige Sohn der verstorbenen Krebspatientin, ist „entsetzt über das Rechtsempfinden mancher Leute. Wir sind sehr bedrückt darüber, daß es nur um die ,arme Schwester Marianne“ geht, aber vom eigentlichen Opfer, meiner Mutter, niemand redet. Das Leben eines alten Menschen gilt offenbar nicht mehr viel.“

Die Vermutung einiger Berolzheimer, wenn Marianne R. doch getötet haben sollte, dann sei dies nur aus Mitleid geschehen, kann der pensionierte Lokführer nicht nachvollziehen: „Wir haben uns um meine Mutter gekümmert und sie nahezu täglich besucht. Sie war eine bodenständige Frau und keineswegs lebensmüde. Sie freute sich darauf, wieder zu uns nach Hause zu kommen, in ihrem Bett zu schlafen und mit dem Hund zu spielen. Sie wollte leben.“

Haß kennt Ernst Drießlein nicht. „Ein Wort des Beileids oder eine Entschuldigung hätten wir uns von der Frau aber schon gewünscht. Im Gerichtssaal lächelte sie uns nur an. Und nicht einmal der Bürgermeister von Berolzheim hat es für nötig befunden, sich bei uns zu melden. Dafür bekamen wir anonyme Drohanrufe nach dem Motto: ,Es wird euch noch leid tun“.“

Das Urteil kann der 57jährige akzeptieren. „Wir haben uns kein härteres Urteil gewünscht.“ Seine Frau Rosemarie pflichtet ihm bei: „Na ja, die Kinder dieser Frau. Vielleicht war das Urteil ein wenig hart. Als wir es im Radio hörten, waren wir anfangs etwas schockiert.“

Auch Berolzheims evangelischem Geistlichen, Pfarrer Reinhard Kufeld, geht es um die Kinder: deshalb wünsche er, daß Marianne R. bis zur Revisionsentscheidung freikomme. Schon vor der Urteilsverkündung hatte er mit der Gemeinde für die Familie und die Justiz gebetet. Nicht für das Opfer. Kufeld: „Das war kein Thema.“

Der Tod stand schon im Raum

5. November 1996, Weltonline

Verbotene Sterbehilfe: Die Krankenschwester, die aus Mitleid tötete Von MICHAEL MIELKE
Die Pflegerin flößte ihrer 93jährigen Patientin eine halbe Tasse Milchkaffee ein. Eine tödliche Dosis, denn die Frau konnte nicht schlucken - und erstickte. Gestern mußte das Berliner Landgericht entscheiden: War es ein Versehen, oder hatte sich Marlene H. bewußt zur Herrscherin über Leben und Tod aufgespielt?
Berlin - Der Leichnam der 93jährigen Elsa F. hatte schon im Keller des Weddinger Krematoriums gelegen. Und wäre er sofort eingeäschert worden, würde die 37jährige Krankenschwester Marlene H. vermutlich heute noch in einem Marzahner Altenheim ihren Dienst verrichten. Eine etwa 1,60 Meter kleine Frau; von den Kollegen und einer psychiatrischen Gutachterin als fachlich profund, manchmal etwas burschikos und wenig einfühlsam gegenüber den Heiminsassen eingeschätzt.

 

Am 25. Januar dieses Jahres hatte Marlene H. der im Sterben liegenden Heimbewohnerin Elsa F. gegen 10 Uhr Milchkaffee eingeflößt. Die Krankenschwester muß sich an diesem Tag um 26 Heimbewohner kümmern. Jeder zweite ist schwer pflegebedürftig, muß gewaschen und gewindelt werden. Unterstützt wird Marlene H. von der Umschülerin Rosemarie G. So bleibt keine Zeit, über die gegen 10.05 Uhr verstorbene Elsa F. nachzudenken, bei der schon zwei Tage zuvor Nahrung und Medikamente abgesetzt wurden. Um so größer ist die Verblüffung, als nach ein paar Tagen das Gerücht durchsickert, der Tod der Elsa F. sei kein natürlicher gewesen. Schwester Marlene habe die Heimbewohnerin, die nicht mehr schlucken konnte, mit Milchkaffee erstickt. Zehn Monate später kommt es in Berlin-Moabit zu einem Prozeß vor einem Schwurgericht. Die Anklage lautet Mord.

Es ist ein anderer Fall als jener, der 1989 in Wuppertal verhandelte wurde. "Elf Jahre Gefängnis" hieß damals das Urteil für die als "Todesengel von Wuppertal" apostrophierte Krankenschwester Michaela Roeder. Die 35jährige hatte fünf Patienten aus "Mitleid getötet". Es ist auch kein Fall wie jener in Wien, der 1993 für vier Krankenschwestern mit Haftstrafen zwischen lebenslänglich und 15 Jahren endete. Bei ihnen standen am Ende 15 vollendete und 17 versuchte Morde auf der Liste. Auch sie hatten von "Mitleidstötungen" gesprochen.

Im Prozeß gegen Marlene H. werden diese Worte nie fallen. Die zierliche Frau hat die Herzen der Zuschauer im Grunde schon erobert, als sie, die maßlos erstaunt scheinenden Augen weit aufgerissen, auf der Anklagebank kauert. Und größer noch wird das Mitleid, als Anwalt Manfred Studier ihren unter Epilepsie leidenden neunjährigen Sohn erwähnt, um den sich die alleinerziehende Mutter rührend kümmere. "Ja", sagt sie auf Frage des Richters Wolfgang Hüller, von Weinkrämpfen immer wieder unterbrochen, "ich habe ihr Kaffee gegeben, aber höchstens drei Teelöffel." Anschließend habe Elsa F. noch gelebt. "Ich würde doch so etwas nie machen! Ich liebe meinen Beruf!" Und jeder im Saal möchte ihr glauben.

Erst am Nachmittag, als die einzige Zeugin der Anklage gehört wird, beginnt die im Zuschauerraum unsichtbar gewachsene Mauer aus Mitleid und Empörung gegenüber dem jungen Staatsanwalt Ralph Knispel zu bröckeln. Da schließen sich plötzlich die Kreise nach Wien und Wuppertal. Hat sich diese zierliche Frau vielleicht doch zur Herrin über Leben und Tod gemacht? Hatte sich während ihrer 20 Berufsjahre die Achtung vor den ihr anvertrauten Menschen unmerklich abgeschliffen?

Die Kronzeugin ist jene Umschülerin, mit der Marlene H. am 25. Januar gemeinsam auf der Station 6 den Dienst versah. Es war erst die zweite gemeinsame Schicht; und es gab zwischen ihnen auch keinen Streit. Wenn überhaupt, dann Ressentiments auf seiten der Umschülerin gegenüber der herrschsüchtigen Krankenschwester. "Man hätte manches auch liebevoller machen können", sagt Rosemarie G. Die 41jährige ist eine ruhige Frau, die jedes Wort sehr genau abzuwägen scheint. Sie hatte viele Jahre als Verkäuferin gearbeitet, war nach der Wende arbeitslos geworden und hatte sich schließlich, ermuntert durch ein Frauenprojekt für Langzeitarbeitslose, für die Altenpflege entschieden.

Vielleicht war es ja dieser ungetrübte Blick der Berufsanfängerin, der Schwester Marlene zum Verhängnis wurde. Nach Aussage der Umschülerin hatte sich Marlene H. an jenem Donnerstag schon beim Betreten des Zimmers darüber mokiert, daß jemand bei Elsa F. das Rückenteil des Betts hochgestellt hatte. "Das regt den Kreislauf an, dann stirbt sie ja noch langsamer", soll die Krankenschwester gesagt haben. Wenig später will Rosemarie die programmatischen Worte "Es ist besser, wenn sie heute stirbt, am Wochenende bin ich allein, dann kommt wieder die Kripo" vernommen haben.

Am Wochenende wird bei Todesfällen nicht die Hausärztin, sondern ein Arzt des Notdienstes gerufen. Kann dieser nicht die Todesursache feststellen, erscheint anschließend die Kripo, und die stellt auch unbequeme Fragen. Ganz genau kann Rosemarie G. nicht mehr sagen, ob nur Sekunden oder Minuten vergingen, bis Marlene H. nach diesen Worten die auf dem Nachttisch stehende Schnabeltasse nahm und der röchelnden Frau Kaffee in den Mund zu gießen begann. "Es hat ganz merkwürdig gegluckert", sagt sie.Die Umschülerin hatte dieses Wissen tagelang mit sich herumgeschleppt und sich erst am darauffolgenden Montag ihrer Ausbilderin im Frauenprojekt anvertraut. So kamen die Ermittlungen ins Rollen.

Ein Pathologe fand in der Lunge der Verstorbenen rund 100 Milliliter Kaffee, keinen jedoch im Magen - obwohl Erna F. nach Aussage der Angeklagten den Kaffee angeblich habe schlucken können. Am Ende können die Anträge kaum widersprüchlicher sein: Knispel fordert lebenslänglich, Studier einen Freispuch.

Das Schwurgericht, das die Kronzeugin Rosemarie G. "für absolut glaubwürdig" befindet, entscheidet sich für den Mittelweg: "Bewußte Tötung", urteilt Richter Hüller, "aber kein Mord." Fünf Jahre Gefängnis wegen Totschlags, so lautet die Strafe. Marlene H. habe ihr Tun vermutlich als "Form der Sterbehilfe empfunden, bestärkt durch das Wissen um das Absetzen der Nahrung und der Medikamente". Sie sei aber keinesfalls ein Todesengel. Der Tod der Elsa F. habe ja nicht nur an die Tür geklopft, sagt Hüller. "Er stand schon im Raum."